ZUR KONZEPTION EINER AUSSTELLUNG

Jürgen Knubben

 

Das Kreuz ist das Urzeichen nicht nur des Christentums sondern ein Universalzeichen der Menschheit schlechthin. So alt dieses Symbol ist, so alt und umstritten ist seine theologische und historische Erörterung. Das Kreuzgeheimnis bleibt: Bereits in vorchristlicher Zeit erfährt das Zeichen unterschiedlichste Bedeutungen. ist aber meist belegt als Analogen der Befreiung und des Heils. In der christlichen Tradition wird das Kreuzsymbol zum Skandalon der Kreuzigung und darüberhinaus eine allgemeingültige Chiffre für menschliches Leiden und Sterben.

Die Kunst im Umfeld des Christentums hat in all ihren Epochen eine Fülle von Kreuzdarstellungen hervorgebracht. Das "leere Kreuz" wurde dabei mehr und mehr vom "Kruzifixus", dem Bild des gekreuzigten Christus abgelöst. Heute ergänzen sich häufig Zeichen und Figur, Kreuz und Leib. Kreuz und Leib beziehen sich hierbei nicht nur rein äußerlich aufeinander: Die Figur des menschlichen Körpers mit weit ausgestreckten Armen bildet die Form des Kreuzes. Der Mensch selbst ist "Kreuzgestalt". Stets weisen aber Zeichen und Figur inhaltlich auf Leben und Tod hin, oder umgekehrt auf das menschliche Sterben und die Hoffnung auf ein Leben in anderer Gestalt.

Allein im Zeichen des Kreuzes verbinden sich Gegensätze. Oben, unten und die Horizontale treffen sich im Mittelpunkt, wo sich das vermeintlich Unversöhnliche versöhnt. Das Kreuz kann so mehr sein als ein "Sinn-Relikt" unserer christlich orientierten Kultur und Gesellschaft.

Kirchengeschichtlich betrachtet ist das Kreuz mehr ein Zeichen der Schuld als eines der Unschuld, mehr ein Zeichen des politischen Sieges als eines des Leidens. Nicht nur die Römer kreuzigten Rebellen und verurteilte Verbrecher. Das Kreuz als Siegesgeste machte rasch (kirchen-)politische Karriere. Unter dem Zeichen des Kreuzes wurden ganze Völker unterworfen. Kreuzritter brachten es als Kriegszeichen in die Länder des Ostens. Später finden wir das Siegerkreuz auf Flaggen und Ehrenzeichen christlich geprägter Nationen. Noch heute schmückt das Kreuz als Ehrenzeichen den Bundesverdienstorden.

Eine Bewegung gegen die politische Inanspruchnahme des Kreuzes als Siegerkreuz beginnt im Mittelalter. Das leere Kreuz verschwindet allmählich und an seine Stelle tritt das Bild des gekreuzigten Christus. Zunächst ebenso Ausdruck des Sieges, aber nicht eines politischen. Aus dem Sieger am Kreuz wurde nach und nach das Opfer am Kreuz, aus Sieg zunächst Niederlage im Sinn einer physischen Vernichtung. Im 20. Jahrhundert schließlich, nach den Erfahrungen von Totalitarismus und millionenfachem Massenmord, steht das Zeichen des Kreuzes vornehmlich für das unerträgliche Leid, das Menschen Menschen zufügen.

Das Kreuz als Zeichen unterlag allzu häufig einem Mißverständnis, wurde als "Ideal" der Unterwerfung und Ohnmacht mißbraucht. An Kraft und Bedeutungsvielfalt hat es aber bis heute nichts eingebüßt. Das Kreuz in der Kunst der Gegenwart unterliegt zunächst den gleichen historischen und politischen Gesetzen wie in vergangenen Zeitabschnitten. Ästhetisch ist das Zeichen ungleich schwerer einzuordnen, ist es doch entsprechend allen anderen Phänomenen der Jetztzeit dem Pluralismus ausgesetzt.

Die Kreuzesdarstellungen. die in der Ausstellung gezeigt werden, fassen zum einen kunstgeschichtlich Erfahrenes zusammen, weisen aber auch - zumindest in ihrer ästhetischen Ausformung - auf neue Wege des Verständnisses dieses Urzeichens hin. Neben eindeutig religiös zu interpretierenden Bedeutungsinhalten werden vielfach auch andere Symbolgehalte manifest. Bis hin zu rein formalen Strukturgebilden reicht die Palette der Möglichkeiten, das Vertikale und das Horizontale beziehungsreich zu verbinden. Das Kreuz als Symbol menschlichen Leidens und christlicher Hoffnung steht dennoch weiterhin im Mittelpunkt gegenwärtiger künstlerischer Auseinandersetzung um das Essentielle und Überzeitliche.

Via crucis - Kreuzweg - als Titel der Ausstellung meint mehr als die ikonographisch festgelegte und religionsgeschichtlich nachvollziehbare Abfolge von 14 Stationen im Leiden und Sterben Jesu Christi. Die Ausstellung verfolgt vielmehr die Absicht, das Zeichen Kreuz in seiner vielfältigen Interpretationsbreite in der Kunst der Gegenwart zu beleuchten. Jede einzelne der 55 ausgestellten Arbeiten ist Teil eines Weges, sich mit einem Ursymbol auseinanderzusetzen. Die Zugänge und Aussagen zum Kreuz sind dabei so subjektiv wie die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler und ihrer Werke. Gemeinsam ist allen Beteiligten, daß sie sich bereits seit geraumer Zeit mit dem Thema Kreuz beschäftigen.

Ich bin dankbar viele Kolleginnen und Kollegen gefunden zu haben, die sich mit Begeisterung auf die Konzeption der Ausstellung einließen. Dank gebührt den öffentlichen und privaten Leibgebern, die bereit waren, sich für längere Zeit von ihren Kunstschätzen zu trennen. Dank sei den beiden Autoren des Katalogbuches gesagt die sich kompetent der Aufgabe annahmen, das Thema Kreuz in theologische, philosophische, kunsthistorische und stadtgeschichtliche Zusammenhänge zu stellen. Denn historische Kreuze aus Rottweils Stadtgeschichte - im Foyer des Museums präsentiert - zeigen einen weiteren Aspekt des Kreuzzeichens und ermöglichen einen Lokalbezug, der nicht unterschätzt werden sollte. Ergänzend zur Ausstellung sind in drei Rottweiler Kirchen weitere Arbeiten zum Thema Kreuz zu sehen. Den Verantwortlichen des Heilig-Kreuz-Münsters, der Predigerkirche und der Kapellenkirche will ich Dank sagen für ihre Offenheit, ihre Toleranz und ihren Mut, die Thematik "Kunst und Kirche" neu zu beleben. Zuletzt ist all denen zu danken, die bei solchen Vorhaben meist unerwähnt bleiben, ohne deren Einsatz aber nichts gelingen kann.

Falls es der Ausstellung gelingt, das Kreuz als auch für die Gegenwart relevantes Zeichen zu manifestieren und seine existentielle Bedeutung sowohl für den Künstler wie für den Betrachter vor Augen zu führen, so hat sich alle Mühe und Anstrengung gelohnt.



via crucis