Ein Weg des Suchens und der Findung

Franz Joseph van der Grinten

 

Das Kreuz ein Heilszeichen: so ist es uns überkommen. Aber abgesehen von dieser christlichen Besetzung ist es zeitlos und universal. Können wir es in seinen frühesten Erscheinungen nicht verbindlich deuten, so bindet es sich in den alten Hochkulturen in den Bedeutungskreis von Leben, Tod und Unsterblichkeit ein. Indem es die Gegensätze vereinigt, hebt es sie in sich auf und läßt sie Kraft werden. Wegkreuzungen sind magische Orte der Macht. Und hebt sich dasKreuz aus der Ebene in die Senkrechte, so durchquert das Aufstrebende dasLagernde, sei es männlich - weiblich, sei es, daß durch den Horizont hindurch sich das Chtonische mit dem Uberirdischen verbindet, die Sphäre der Toten mit der der ewig Lebenden, die Materie mit dem Geist, das Erdverhaftete mit dem Göttlichen. Nicht von ungefähr bezeichnet in der Physik das Kreuzzeichen die positiv geladene Energie, deren negativer Gegenpol sich im horizontalen Einzelstück ausweist. Das Plus ist ein Mehr, es hat die Kraft zu sammeln, und wendet es sich in die Diagonale, wird es zu einem Bewegungslauf angestoßen, der aus ihm, gewissernaßen in kreisender Wiederholung, einen Multiplikator macht.

Ist das christliche Kreuz, zumal in gegenständlich-erzählerischer Ausformung, das Denkmal des irdischen Todes Christi, des schmählichen einer Hinrichtung, so weist es doch zugleich darauf hin, daß diese Opferung den Triumph der Erlösung in sich trug. Hier bringt sich das. was dem Zeichen von sich aus an Kraft innewohnt, auch ins Spiel der gläubigen Ergründung. Freilich ist es die Kraft des Leidens, die die überwindend überdauernde ist, im Opfer birgt sich der Gewinn. Die Botschaft des Kreuzes ist keine bequeme, aber sie ist sinngebend bis ins absurd Erscheinende, wenn man denn bereit ist, eine solche Sinngebung hinzunehmen. Der Triumph hält sich verborgen. In einer Zeit der Ungewißheiten, wie wir sie erleben, scheinen mitreißende Aufschwünge fast nicht möglich. Wem sie geschähen, der würde, auch wenn er beredt wäre, kein Echo wecken. Das Licht ist eher gedämpft. Und das herkömmliche Zeichen ist so abgenutzt, wie es angepaßt gewesen ist; was dauernd uns umgibt, nehmen wir nicht wahr. Auch zeitlose Botschaft, soll sie auf lebendige Empfänglichkeit treffen, bedarf einer sich erneuernden Formulierung. Bewegen kann nur wer selbst bewegt wurde, betroffen machen nur der Betroffene, erschüttern nur wer selbst Erschütterung verspürte. Daß es die Form ist, die sein Tun tragbar und übertragbar macht, weiß jeder Künstler. Und auch sein Spiel, wenn er denn spielt, ist ernst.

Empfindliche Zeugenschaft. Die innere Befindlichkeit eines Zeitalters spiegelt sich in seiner Kunst, feststellend und vorausweisend, und unabhängig von aller Beauftragung. Daß die Kunst in den Kirchen dabei ist, an Substanz und Tiefe zu gewinnen, ist den glaubwürdigen Zeugnissen persönlichen Ausdrucks zu danken, die, unabhängig von Nutzbarkeit und frei von dogmatischer Einengung, entstanden sind aus dem Willen und der Notwendigkeit des Schaffenden, mit sich und seiner Welt ins Reine zu kommen. Hier, weit über den offiziellen Rahmen der Zulässigkeiten hinaus, in aller möglichen Freiheit, entsteht eine Fülle von Bildwerken, die einer säkularisierten Welt Botschaften entgegenhalten, die - wie auch immer - reIigiös motiviert sind. Bildhaftes Nachdenken über das Rätsel des Seins. Ängste und Beschwörungen, Dunkelheiten auf der Suche nach Licht. Wenig Affirmatives, aber schon zu beharren beweist ja Kraft. Und es ist die jeweils persönliche Erlebnisebene, aus der sich erhebt, was Bild und Gleichnis ist. Zeichen, Bilder, Ereignisse, aus persönlicher Gültigkeit beziehen sie den allgemeinen Gewahrwerdungswert. Selbstzeugnisse, aber auch der Einzelne in seinem Dasein ist zugleich Beispiel.

Zeichenhaft und erlebbar, differenziert oder lapidar, in sich ruhend und über sich hinausstrebend, verweisend oder gesammelt ist jedes Werk, wenn denn der Geist in ihm sich manifestieren will, so allgemein wie es persönlich ist. Auch der Einzelne ist ein Kosmos: was ihm widerfährt, widerfährt dem Ganzen, das sich in ihm als einem Teil zu erkennen gibt. Jeder Laut findet zum Ohr, jede Farbe zum Auge, jeder Grat zur tastenden Hand, jede Räumlichkeit zum Fuß, der sie durchmißt, und Fuß und Hand, Auge und Ohr sind empfänglich aus ihrer Erfahrung. Das läßt auch die persönlichste Äußerung zur allgemeinen werden, das gibt jeder Botschaft den Rang einer Verlautbarung, das macht Kunst zu einem letztlich unentbehrlichen Erlebnis. Die via crucis, der Weg des Kreuzes, ist ein Weg des Suchens und der Findung, der Fesselung und der Befreiung, des Entbehrens und der Erfüllung, des Vergehens und des Bestehens. Und das ist keine Frage des Glanzes; auch das Dunkle strahlt, wenn der Geist in ihm ist. Das bildnerische Denken läßt die Wahrheit faßbar werden, das von Vielen gibt ihr Facetten, die, auch wenn der Stein, dem sie eingeschliffen sind, dunkel wäre, imstande sind Licht, das erkennende, weiterzugeben.


via crucis