Unbekannter Meister: 6 APOSTEL

Von einem Zyklus der ZWÖLF GLAUBENSBOTEN

 

 

Um 1360
Aus St. Georgen, Schwarzwald-Baar-Kreis. Aus der ehemaligen Klosterkirche der Benediktiner. Zugehörige Figuren vermutlich durch Brand zerstört.

Lindenholz. Rückseite der Figuren flach und wenig ausgehöhlt. Frei vorstehende Hände waren angestückt und gingen verloren. Die verdübelte Bohrung auf dem Kopf und das tiefe Bohrloch in der Standfläche rühren vom Einspannen des Holzblocks auf der Schnitzbank her. Risse ausgespänt. Fassung abgenommen. Farbspuren erkennbar.
Höhe der Figuren 105-111 cm, Breite 30-35 cm, Tiefe 19-24 cm.

 

 

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Die Gruppe der in einer Front eng zusammengerückten Apostelfiguren aus St. Georgen wirkt sehr einheitlich, wenn nicht sogar gleichförmig, denn es fehlen die sprechenden Gesten der abgebrochenen Hände und die farbigen Kontraste der abgelaugten Bemalung: zwei zur Belebung und Charakterisierung wesentliche Ausdrucksmittel. Allen Aposteln dieser Folge war ein Buch als Attribut beigegeben, das nur bei dreien erhalten blieb. In der namenlosen Apostelschar ist nur der bartlose Johannes zu unterscheiden.

Die in ihrer feierlichen Würde etwas regungsarmen Glaubensboten sind nach dem gleichen Figurentypus aus dem Block gehauen. Ihre Gestalt ist sehr schmal und hochgewachsen. Der

Kopf wirkt trotz Haar und Bart sehr klein. Er mißt kaum ein Siebtel der Körpergröße. Die Gestalt bleibt in den Faltenmassen der Gewänder verborgen. Brust, Schultern und Arme sind darunter schwach ausgeprägt. Auch der Kontrapost der Körperlast ist nur schwach angedeutet: am klarsten durch die unter dem Gewandsaum hervortretenden Zehen, kaum auffallend durch das in den Gewandfalten ausgeprägte Knie des Spielbeins, mehr oder weniger erkennbar durch die hinter den gerafften Mantelenden versteckte Ausbiegung des Körpers nach einer Seite, klar sichtbar durch die Beugung des Oberkörpers und die Gegenbewegung des Kopfes, - alles in einer verhalten schwingenden Gesamtbewegung der Gestalt und betont durch das Faltengefüge der Gewänder. Dem beherrschenden System der steilen Fallfalten wirken die quer verspannten Traufenfalten und die verspielt schlängelnden Mantelsäume entgegen. Bei allen Aposteln, Johannes ausgenommen, wiederholt sich das ehrwürdig-fromme Greisenantlitz ohne einen neuen, belebenden Einfall.

Dekan Dr. Dursch berichtet 1849 in der Beschreibung seiner in der ehemaligen Kapuzinerkirche zu Wurmlingen bei Tuttlingen ausgestellten Kunstsammlung über acht Apostelfiguren, von denen sechs "noch ziemlich gut und zwei sehr verstümmelt vorhanden sind, und welche einst wahrscheinlich das Innere einer Kirche zierten. Dieselben wurden auf dem Dachboden der alten evangelischen Pfarrkirche zu St. Georgen auf dem Schwarzwalde gefunden. . . Ob diese Bilder einst in der Kirche des dortigen Benediktinerstiftes waren, kann nicht angegeben werden, weil ... sich keine Tradition hierüber erhalten hat." Zum St. Georgener Zyklus der GLAUBENSBOTEN gehörten zweifellos ursprünglich zwölf Apostelfiguren, von denen in der Sammlung Dursch 1849 noch sechs vorhanden waren. Bei den beiden von Dursch wohl wegen ihrer Schäden zunächst nicht ausgestellten Figuren handelt es sich offenbar um den seit 1851 in der Lorenzkapelle zu Rottweil bewahrten HEILIGEN (29) und den Evangelisten JOHANNES (30). Sie stammen aus St. Georgen, gehören aber nach Art und Größe nicht zum Apostelzyklus.

Es bleibt wohl ungeklärt, ob zum St. Georgener Apostelzyklus noch eine Figur des lehrenden oder auferstandenen Christus gehörte, wie bei den beiden in der Rottweiler Sammlung bewahrten Zyklen der AUSSENDUNG DER APOSTEL vom ehemaligen Apostelaltar zu Laiz (3-9, um 1320-30) oder von der Westfassade des KapelIenturms in Rottweil (Kat. St 13-25, um 1350). Wenn die Herkunft der sechs Apostelfiguren aus der ehemaligen Klosterkirche der Benediktiner zu St. Georgen trotz der unterbrochenen Überlieferung als sicher gelten darf, so bestehen doch sehr verschiedene Vermutungen über ihren ursprünglichen Standplatz und ihre Entstehungszeit.

Gegen die Annahme, daß dreizehn Figuren einer AUSSENDUNG DER APOSTEL in Schrein und Flügelkasten eines Schnitzaltars gestanden haben können, steht vor allem die Feststellung, daß die etwa 110 cm hohen und auf ihrer Rückseite auffallend wenig ausgehöhlten Lindenholzfiguren zusammen ein erhebliches Gewicht selbst für einen nur eingeschossigen Altaraufbau darstellen würden. Außerdem sind auf der Rückseite der Figuren keine Anzeichen einer, in diesem Falle als dringend notwendig erscheinenden Befestigung mit einer Rückwand zu erkennen.


Ein Zyklus der ZWÖLF GLAUBENSBOTEN könnte dagegen als Schmuck des Kircheninnern gedient haben, etwa an den Wänden des Langhauses oder Chores, vielleicht an einem Lettner oder Chorgestühl. Ihrer Größe und Masse wegen erscheinen die nach dem Vorbild der Monumentalplastik geschlossen im Block angelegten und selbst in seitlicher Ansicht rundplastisch wirkenden Holzfiguren zur Aufreihung in einem innenarchitektonischen Zusammenhang besonders geeignet. Die Verwendung gefaßter Holzfiguren als Zier eines steinernen Lettners war gegen die Mitte des 14. Jahrhunderts keineswegs ungewöhnlich. Dagegen erscheint die Aufstellung eines so umfangreichen Figurenzyklus an einem Chorgestühl als sehr aufwendig und weniger wahrscheinlich. Ein Nachweis über den ursprünglichen Standplatz der Apostelfiguren in der durch Brände mehrmals zerstörten und nicht wiederaufgebauten Klosterkirche von St. Georgen wird wohl nicht mehr zu erbringen sein.

Die zeitliche Einordnung der Apostelfiguren aus St. Georgen in die allgemeine Stilentwicklung der gotischen Plastik des 14. Jahrhunderts ist umstritten. Baum (1921) beurteilt diesen Figurenzyklus "als die Arbeit eines zurückgebliebenen Meisters, vielleicht erst aus dem Jahre 1370", dem Weihejahr der wiederhergestellten Klosterkirche. Es ist jedoch fraglich, ob der Figurenstil des St. Georgener Apostelmeisters nur als ein später Nachklang zur oberrheinischen Bildhauerkunst der ersten Jahrhunderthälfte oder vielleicht als eine eigenständige Leistung im Stilwandel um die Jahrhundertmitte zu betrachten ist. Darum ändert auch Baum (1929) seine Einschätzung der St. Georgener Apostelfiguren und nimmt ihre Entstehungszeit um 1360 an, etwas später als die um 1340-50 im ,,Rottweiler Stil" geschaffenen Figurenzyklen an den Portalwänden des dortigen Kapellenturms.

Die Apostel des St. Georgener Bildschnitzers stehen in ihrem künstlerischen Rang zweifellos weit hinter den in Stein gehauenen Propheten und Apostel des Rottweiler Marien- und des Christusmeisters. Sie können ihre Abkunft von der Monumentalplastik nicht verleugnen, wenn man sie etwa mit den Figuren vom Heiligen Grab (um 1330) des Freiburger Münsters oder mit den Aposteln (um 1350) des Rottweiler Kapellenturms vergleicht. Ähnlichkeiten sind besonders im Figurentypus zu finden. Deutlich erkennbar ist das verstärkte Streben nach mehr Faltengefüge und Figurenumriß. Wesentliche Unterschiede der St. Georgener Figuren liegen in ihrer verhalten schwingenden Gesamtbewegung, in ihrer verflachten Wiederholungen der Faltenscharen und im gleichförmigen Ausdruck der Gesichter. Eine Hinwendung zum Zwiegespräch mit dem Nachbar, wie bei der Laizer Apostelgruppe (3-9), oder gar eine Rollenverteilung, wie beim Rottweiler Apostelzyklus, ist in der Reihe der St. Georgener Apostel nicht gegeben. Daraus kann geschlossen werden, daß diese Figuren einst nicht dicht aufgereiht, sondern eher in einigem Abstand oder durch eine architektonische Gliederung abgeschieden voneinander standen.

Der St. Georgener Apostelmeister hat sich in seiner Holzschnitztechnik einige Flüchtigkeiten erlaubt, aus denen verschieden zu beurteilende Rückschlüsse auf die bei der Ausführung des Auftrags unter Umständen gebotene Eile oder die handwerkliche Erfahrung gezogen werden können. Vielleicht mußte der Figurenzyklus damals zu einem bestimmten Zeitpunkt fertiggestellt werden, etwa zur Aufnahme des Gottesdienstes im Chor oder zur Weihe der wiederhergestellten Klosterkirche. Vielleicht war der Bildhauer wenig erfahren, große Figuren in Holz zu schnitzen, denn seine ungewöhnliche Technik bei der Aushöhlung der Figurenrückseiten führte gerade dort zu zahlreichen und klaffenden Kernrissen.