Unbekannter Meister: ERHARD, thronend

 

 

Um 1370
Aus Hardt, Landkreis Rottweil. Wallfahrtsbild aus der 1816 abgebrochenen
Erhardskirche in Hugswald. 1924 als Geschenk von Schultheiß Lehmann in
Locherhof in den Besitz der Stadt Rottweil gelangt.

Lindenholz, stark beschädigt und ausgeflickt. Rückseite flach und ausgehöhlt.
Beide Hände und Attribute fehlen. In den Unterarmstümpfen je ein Bohrloch
zum Verdübeln der Hände. Vordere Spitze der Mitra abgebrochen. Im unteren
Bereich der Figur ein Holzstück (H 17 cm) eingesetzt, in der Aushöhlung
hinten mit zwei Holzstücken verleimt und als Ergänzung bearbeitet. Im Schoß
ein Holzstück zur Ausflickung von brüchigem Astholz eingesetzt. Am linken
Oberschenkel ein Durchbruch bis zur Fuge des unten angesetzten Holzstücks.
Risse teilweise ausgespänt. Fassung wohl um die Mitte des 18. Jahrhunderts
erneuert und mehrfach ausgebessert. Mitra grün mit Borte. Gewand grün, am
Saum zwei breite Streifen in Rot und Weiß. Kasel außen rot mit Rankenmuster
und Borte am Halsausschnitt.
H 105 cm, B 33 cm, T 21 cm.

 

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Die um 1370 entstandene Figur des thronenden Wanderbischofs Erhard nahm einst den Ehrenplatz des Kirchenpatrons in der 1816 abgebrochenen Wallfahrtskirche in Hugswald bei Hardt ein und hat offensichtlich mancherlei Unbill erfahren bis sie nach langer Herbergsuche in der Lorenzkapelle zu Rottweil Aufnahme fand. Im Hugswald muß bereits vor 1300 eine klösterliche Niederlassung gegründet worden sein, deren Kirche einen festen Glockenturm besaß und in der Barockzeit zu einer vielbesuchten Wallfahrtsstätte wurde. Die Hilfesuchenden kamen in vielerlei Nöten zum Schutzheiligen Erhard, dem Beschützer des Viehs und Heilbringer der Augenleidenden. Der Iroschotte Erhard, der Ehrenfeste, verbreitete um die Wende zum 8. Jahrhundert das Christentum am Oberrhein, gründete sieben Klöster in den Vogesen, bekehrte die blind geborene Ottilie von Hohenburg im Elsaß, die bei der Taufe durch ihn sehend geworden sein soll, wirkte in Regensburg, wo er in Niedermünster begraben liegt. Die dort um 1350 geschaffene Grabfigur stellt den Heiligen in Pontifikalgewändern mit dem Bischofsstab dar. Sonst wird ihm außerdem das Buch, darauf zwei Augen als Attribute beigegeben, wie übrigens auch den Darstellungen der heiligen Ottilie.


Bei der verstümmelten Figur des thronenden Schutzheiligen vom Hugswald sind die fehlenden Hände und Attribute entsprechend zu ergänzen. Die Linke hielt wohl den Bischofsstab, während die Rechte entweder segnend erhoben war oder das Buch mit den daraufliegenden Augen trug.

Ohne belebende Handbewegungen, ohne bedeutungsträchtige Heiligenattribute und auch ohne die bei der Ergänzung weggelassenen, wohl aber vordem unter dem Gewandsaum vorstehenden Schuhspitzen erscheint das ehrwürdige Andachtsbild unnahbar fremd und ernüchternd leer. Mit den offensichtlich falsch ergänzten unteren Faltenpartien des Gewandes und den parallel zum jetzt gleichförmig aushängenden Gewandsaum aufgemalten Farbstreifen wirkt die Figur allzu hölzern und steif. Wahrscheinlich ist die Figur durch das unten angesetzte Holzstück um ein paar Zentimeter höher geworden. Trotz aller Beschädigungen und Veränderungen besitzt der Hugswäler Schutzheilige noch einigen künstlerischen Reiz. In der frontalen Ansicht der Figur sind Oberkörper, Kopf und Mitra kaum merklich zur Seite geneigt. In dem runden, bartlosen Antlitz liegen weiche, freundlich anmutende Züge. Belebend wirkt auch der harmonisch abgestufte Schwung der von Arm zu Arm über den steifen Oberkörper hängenden Falten der Kasel, denen einst einige im Schoß entspringende und an den Knien aufgehängte, zuletzt spitz eingeknickte Gewandfalten entsprochen haben mögen. Ansätze zu einem solchen Faltengefüge sind noch vorhanden, aber im weiteren Verlauf der Ergänzung zu einem öden Gehänge umfunktioniert. In seitlicher Ansicht wird offenkundig, daß die Raumtiefe der Sitzfigur nicht voll ausgebildet ist. Dies ist am deutlichsten an den verkürzt dargestellten Oberschenkeln zu erkennen. Auch der Oberkörper wirkt in dieser Ansicht allzu schmächtig. Die nicht ganz vollplastische Formgebung der Figur darf jedoch nicht nur als ein technischer Mangel, etwa als Folge der knappen Ausmaße des Holzblocks angesehen werden, sondern vielmehr als bewußt angewandtes Ausdrucksmittel, - ganz im Stilempfinden gotischer Bildschnitzkunst um die Mitte des 14. Jahrhunderts.

Wenn auch der künstlerische Wert des Holzbildwerks nach so schweren Schädigungen gemindert ist, so hat das Wallfahrtsbild aus der längst nicht mehr bestehenden Erhardskirche vom Hugswald bei Hardt an historischer Bedeutung sehr viel gewonnen.

Georg Zeyer (1944) hat die im Pfarrarchiv der Muttergemeinde Mariazell bewahrten Urkunden über die Wallfahrtsstätte zusammengetragen und die im Volk erzählten wundersamen Taten des unbestechlichen, ehrenfesten Schutzheiligen Erhard niedergeschrieben.

 

Lit.: Baum, 1929, S. 30, Nr. 48 mit Abb. S. 32.
Zeyer, 1944, S. 11 mit Abb. S. 13. - Stähle, 1973, mit Abb.