Unbekannter Meister: THRONENDE MARIA mit Kind

 

 

Um 1290
Aus St. Georgen, Schwarzwald-Baar-Kreis.
Aus der ehemaligen Klosterkirche der Benediktiner.

Lindenholz. Rückseite flach und ausgehöhlt; ehemals durch ein
Brettstück geschlossen und rund bearbeitet. Auf dem Kopf Reste des
Kronsitzes erkennbar. Am Kopftuch zu beiden Seiten Ausflickungen
des Holzes. Rechte Hand der Mutter falsch ergänzt; sie trug wahrscheinlich
ein Szepter. Beide Hände und Weltkugel des Kindes ergänzt. Fassung abgenommen.
Rückseite in der Aushöhlung blaue Farbreste einer Übermalung.
H 75 cm, 539,5 cm, T 36,5 cm.

 

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Nach einem Bericht von Dekan Dursch (1849) lag die Marienfigur zusammen mit einigen andern Holzbildwerken dieser Sammlung zuletzt auf dem Dachboden der evangelischen Kirche, der wenig später durch Brand zerstörten Lorenzkirche im Klosterbezirk der Benediktiner von St. Georgen. Das ehrwürdige Andachtsbild hat offenbar schwere Beschädigungen erlitten. Über der verständnislos abgelaugten und inzwischen verwitterten Holzfigur lag einst ein warmer Schein von Farben und der helle Glanz des Goldes.

Die Gottesmutter thront mit behäbiger Breite auf einem schlichten Block, dem eine Stufe vorgelagert ist. Sie lächelt verstohlen, und ihre Haltung wirkt entspannt, wohl besonders seitdem ihre rechte Hand nicht mehr das Szepter trägt, sondern durch eine unbeholfene Neuschöpfung ersetzt worden ist. Auf dem Haupt fehlt die Krone, und das Kopftuch fällt breit über Haare und Schultern. Das Gewand liegt eng gegürtet und dicht gefältelt um den Körper.

Der Mantel droht von der rechten Schulter abzugleiten. Während die Mantelenden beiderseits vor dem Sitz zu Boden sinken, hängt das Gewand zwischen den Knien in breit verspannten Traufenfalten herab und stößt am Saum gegen die groben Schuhe.

Das Christkind sitzt lebhaft bewegt auf dem Schoß Mariens, im Rücken von ihrer Hand gestützt. Unter dem Saum seines falten reichen Gewandes schauen die Zehen hervor und lassen erkennen, daß das eine Beinchen angezogen, das andere gestreckt ist. Als Zeichen seiner Allmacht trägt der menschgewordene Gottessohn die Weltkugel in der linken Hand und streckt die rechte segnend zur Seite: ein auffallender Gegensatz zwischen der lebhaften Wendung des Kindes und der frontalen Haltung der Mutter.

Die Thronende Madonna der Benediktinermönche von St. Georgen im Schwarzwald ist als Andachtsbild mystischer Frömmigkeit um die Wende vom 13. und 14. Jahrhundert entstanden. Sie steht dem Typus jener Sitzmadonnen nahe, deren thronende Haltung nicht streng hoheitsvoll, sondern leicht entspannt erscheint und deren Kind ungezwungen bewegt auf dem Schoß der Mutter sitzt. Dem Bildwerk sind einige rustikale Züge eigen, die seine zeitliche Einordnung in die Stilentwicklung erschweren. Der Bildschnitzer hat seinem Werk die volle räumliche Tiefe gegeben und im Vergleich mit den meist reliefartig verkürzten Darstellungen des Sitzens eine beachtliche Eigenständigkeit gewahrt.

Seine künstlerische Eigenart und seine menschlichen Empfindungen für das Verhältnis von Mutter und Kind werden augenfällig bei einer vergleichenden Betrachtung seines Werkes mit der wenig jüngeren Überlinger Madonna.

 

Lit.: Dursch, 1849, S. 31, Figur 5, Abb. Tafel 1.
Schuette, 1907 (2), S 108.
Baum, 1921, S. 126.
Baum, 1929, S. 28, Nr. 36 mit Abb. S. 27. - P.
Schmid, 1934, S. 14 mit Abb. Tafel 1, Fig. 36.