Meister von Eriskirch: TRAUERNDE MARIA, betend

 

 

Um 1420
Aus Eriskirch, Bodensee-Kreis. Von einer Gruppe der KREUZIGUNG CHRISTI.
Zugehörige Bildwerke verschollen.

Lindenholz. Rückseite flach und ausgehöhlt. Auf dem Kopf ein verdübeltes Spannloch.
Sockel vieleckig zugeschnitten. Mehrere Risse ausgespänt. Ausgebrochene Stellen
des Holzes ergänzt. Fassung abgenommen.
H140,5 cm, B 57 cm,T 24 cm.

 

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Die Figur der trauernden Maria stammt von einer Gruppe der KREUZIGUNG CHRISTI, deren zugehörige Teile verlorengegangen sind. Entsprechend den für solche Darstellungen geltenden Regeln war die Figur der Mutter Christi zur Rechten, die des trauernden Jüngers Johannes zur Linken des Gekreuzigten aufgestellt. Maria verharrt in betender Haltung, ganz in sich versunken und auf die letzten Worte ihres sterbenden Sohnes lauschend. Die vom Leid erschütterte Mutter steht frontal dem Betrachter zugewandt. Ihre rechte Seite ist nur wenig ausgebogen, der linke Fuß zur Seite gestellt und der bedeckte Kopf nach rechts geneigt. Durch die Gestalt geht eine verhaltene, der S-Form gegenläufige Bewegung, während die Unterarme angehoben und die Hände betend vor der Brust gefaltet sind. Die straffe Haltung der Hände betont die Senkrechte vor der Mitte des Körpers, im Gegensatz zu den waagrecht angewinkelten Unterarmen und den Schwüngen im Faltengefüge der Gewänder. Kopftuch und Mantel umhüllen die Gestalt in betont weichen Umrissen: Ein auffallendes Formprinzip der Bildschnitzkunst des Eriskircher Meisters!

Der Eriskircher Bildschnitzer ist ein Meister der weichen Formgebung: Wie eine Schale schützend den Kern umschließt, so umhüllt das Kopftuch in vollrunder Form das sanft zur Seite geneigte Haupt und läßt nur das vom Rüschensaum umrahmte Antlitz frei. Rund und voll umspannt der Mantel die müde vorgesunkenen Schultern und gleitet zu beiden Seiten in langgezogenen Bahnen über die Arme bis zum Boden hinab. Wie Schalen legen sich auch die vielschichtig von den Unterarmen hängenden Mantelfalten um die Gestalt. Weich gehöhlte Faltenkehlen folgen den weiten Schwüngen der Faltengrate bis sie jäh abbrechen und in den Staufalten enden, die sich ringsum am Boden bilden. Weich umschlossen hebt sich das Knie des Spielbeins in der Faltenbahn des Gewandes ab und drängt die schwer lastende Stoffmasse zur Seite. Ein schmaler Faltengrat begleitet mit seinem langen, vom Gürtel bis zum Boden reichenden Schwung die Seitwärtsbewegung des Spielbeins. Und dicht daneben, hinter den steil herabfallenden Mantelsäumen, liegen tief und weich eingebettete Schattenhöhlen.

Der Eriskircher Meister ist auch ein Könner der weichen Linienführung: Er bevorzugt den weich verlaufenden und weit gespannten Schwung. Die Linie verläuft an der Grenze einer Fläche oder ergibt sich als Lichtkante auf der Höhe einer Form. Als eindringlichstes Beispiel der weit gespannten und weich verlaufenden Linienführung des Meisters ist wohl der Figurenumriß zu betrachten, der an Geschlossenheit und Fülle kaum überboten werden kann.