Michel Erhart und seine Werkstatt: "PESTBILD"

 

 

Im Schrein oben die gekrönte Halbfigur GOTTVATERS über einer Wolkenbank, mit Pfeil und Bogen "Pest, Hunger und Krieg" auf die Menschheit schießend. Darunter links MARIA, unter ihrem von einem Engel seitlich hochgehaltenen Mantel zwei (ursprünglich vier) flehende Stifter schützend. Rechts CHRISTUS, der Schmerzensmann, auf seine Seitenwunde zeigend und den Vater um Gnade für die Schutzsuchenden bittend.

Um 1490-95

Aus Schelklingen-Urspring, Alb-Donau-Kreis. Schreinfiguren von einem Kapitelaltar des ehemaligen Bendediktinerinnenklosters Urspring. Schrein 1851 aus der Sammlung Dursch. Lindenholz. Rückseite der Figuren flach und teilweise ausgehöhlt. Ansatzflächen für zwei weitere Stifterfiguren sichtbar. Pfeilspitze angeschäftet. Alte Fassung mit geringen Ausbesserungen. Schrein mit überhöhtem Mittelteil; außen braun rot, innen hellblau.
Gesamte H 169 cm, B 114 cm, T 25 cm.

 

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Die Figurengruppen des "PESTBILDES" und der KREUZIGUNG CHRISTI stammen aus dem ehemaligen Benediktinerinnenkloster Urspring bei Schelklingen. Sie standen einst in spätgotischen Kapitelaltären und dienten der Klostergemeinschaft zur frommen Betrachtung. Beim Ausverkauf des Klosterbesitzes wurden die offenbar zusammengehörigen Figurengruppen von Dr. Dursch erworben und 1851 in eigens angefertigten neugotischen Schreinen auf den Seitenaltären der Rottweiler Lorenzkapelle aufgestellt. Aus Raumnot wurden beide Figurengruppen 1977 dem Ulmer Museum als Leihgaben auf Abruf übergeben.

Die Auftraggeber des Urspringer "Pestbildes" wollten offenbar keine der üblichen Schutzmantelmadonnen mit den zu beiden Seiten der Mater Misericordiae unter dem Mantel geborgenen geistlichen und weltlichen Stände. Sie wählten eine mehrfigurige, auf Handlung ausgerichtete Szene, bei der allein die Stifterfamilie unter dem einseitig geöffneten Mantel Mariens in Erscheinung treten sollte. Ein Grund für die Wahl des mehrfigurigen, in einem Schrein gruppierten "Pestbildes" ist wohl darin zu erkennen, daß die Auftraggeber von vornherein darauf bedacht waren, eine annähernd gleichgewichtige Darstellung für die im gleichen Raum gegenübergestellte Kreuzigung zu finden.

Dem Urspringer "Pestbild" liegt die Vorstellung zugrunde, daß die Gottesmutter Maria die von den Schrecken des Schwarzen Todes bedrohten Menschen zu schützen vermag. Nach einer Vision des großen Theologen und Dominikanerheiligen Thomas von Aquin (1225-1274) sendet der zürnende Gottvater Pest, Hunger und Krieg durch Pfeile auf die in Sünde gefallenen Menschen herab. Dem Betrachter des "Pestbildes" wird in erzählerischer Breite vor Augen gestellt, wie der über einer Wolkenbank erscheinende Gottvater dabei ist, einen Pfeil zur Strafe abzuschießen. Es bleibt ungewiß, was der Pfeil den verängstigten Menschen zu bringen droht: Krankheit, Not oder Tod. Eine kleine Gruppe von Menschen hat unter dem Mantel der Himmelskönigin Schutz gefunden. Ein Engel hilft, den Mantel der Barmherzigkeit über die Schützlinge zu halten, während Maria bittend zu Gottvater aufschaut. Die in ihrer Angst am Boden knienden Menschen schauen aus dem schützenden Mantel heraus auf den gegenüberstehenden Schmerzensmann. Der Mantel der barmherzigen Muttergottes bietet nur Schutz durch die Fürsprache ihres Sohnes, dessen Sühnetod alle Kinder Evas von der Verstoßung ins Elend erlöst hat. Der auferstandene Gottessohn zeigt auf seine Seitenwunde und bittet den Vater um Gnade für die Menschen. So schließt sich der Gedankengang des zu einem dreifigurigen Schutzmantelbild erweiterten Urspringer "Pestbildes". Man muß sehr weit suchen, um ein "Pestbild" zu finden, das wie im Beispiel aus Urspring eine Handlung mit drei Hauptdarstellern umfaßt: den strafenden Gottvater, die schützende Muttergottes und den fürsprechenden Schmerzensmann. Die am Heiligkreuzmünster von Schwäbisch Gmünd um 1349 als Mahnmal an eine Pestepidemie aufgestellte Schutzmantelmaria ist ohne das göttliche Kind dargestellt, von dem die Kraft zum Schutz der unter dem Mantel geborgenen Menschen ausgeht. Bei der um 1430 entstandenen Gößlinger Schutzmantelmadonna hilft das Kind, den Mantel über die Schützlinge zu ziehen. Bei der sehr seltenen Darstellung des Schutzmantelchristus (um 1500) in der Stuttgarter Stiftskirche birgt der mit dem Mantel der Verspottung bekleidete Schmerzensmann die ihn bedrängenden Flüchtlinge. Bei dem 1563 gemalten "Pestbild" in der Vorhalle des Überlinger Münsters werden die Pestpfeile von dem auf dem Arm der Mutter sitzenden Kind zerbrochen.

Nur bei dem in der Prokuluskirche von Naturns im Vintschgau (Südtirol) um 1400 gemalten "Pestbild" ist im Thema wie in der Komposition eine weitgehende Übereinstimmung mit der Urspringer Figurengruppe festzustellen. Im Fresko erscheint in der kreisförmigen Mandorla oben der strafende Gottvater und schießt Pestpfeile ab. Darunter steht zur Rechten des All mächtigen die Schutzmantelmaria, zur Linken der Schutzmantelchristus. Beide bergen die nach ihrem Berufsstand unterschiedenen Schutzsuchenden. Die Pestpfeile prallen am roten Mantel des Schmerzensmannes ab, der auf seine Seitenwunden zeigt und Gottvater um Gnade für die Menschen bittet.

Die Bildidee des Urspringer "Pestbildes" war breits um 1400 in Südtirol vorgegeben. In beiden Beispielen ist die Komposition auf die Mittel achse ausgerichtet. Dem Freskomaler von Naturns stand eine breitformatige Bildfläche zur Verfügung, während der Bildschnitzer von Urspring sich auf ein enges Hochformat im Altarschrein beschränken mußte. Der Schmerzensmann von Urspring trägt keinen Purpurmantel der Verspottung, aber die Dornenkrone und die Wundmale der Kreuzigung. Die Schutzmantelmaria von Urspring steht nahe der seitlichen Schreinwand und hebt ihren Mantel mit Hilfe eines Engels nur zur Bildmitte. Damit wird der Raum zum gegenüberstehenden Schmerzensmann überbrückt und eine ausgewogene Komposition erreicht. Im Urspringer "Pestbild" ist nur die Stiftergruppe, nicht die Klostergemeinschaft oder die geistlichen und weltlichen Stände unter den Schutz Mariens gestellt. Eine Gegenüberstellung der beiden von Kapitelaltären des Klosters Urspring stammenden Figurengruppen des "Pestbildes" und der Kreuzigung Christi legt die Vermutung nahe, daß sie durch Stiftung in derselben Werkstatt entstanden sind. In der Beurteilung des "Pestbildes" gehen die Meinungen weit auseinander. Julius Baum (1929) ist der Auffassung, daß das Altärchen um 1493 von Gregor Erhart geschaffen worden ist. Adolf Schahl (1963) nennt Michel Erhart als verantwortlichen Meister des Werks. Gertrud Otto (1966) verweist auf den Memminger Meister Hans Thoman, Albrecht Miller (1968) dagegen auf Christoph Scheller. Anja Broschek (1973) hat sich nicht näher mit der Urheberschaft abgegeben. Erwin Treu (1981) hat die beiden Urspringer Figurengruppen Michel Erhart und seiner Werkstatt zugewiesen, obwohl keine eingehenden Stilanalysen der zugehörigen Figuren vorliegen. Die Konzeption der Gruppe und der Schmerzensmann scheinen auf Michel Erhart zurückzugehen.

 

| VERZEICHNIS | 14. + 15. JHDT. | 16. + 17. JHDT. |