Werkstatt Niklaus Weckmann: 3 SCHREINFIGUREN

PETRUS - ANNA SELBDRITT - ELISABETH

 

1493
Aus Ehingen/Donau, Alb-Donau-Kreis. Aus der Kapelle des ehemaligen Marchtaler Kloster-Pfleghofs. Schreinfiguren eines abgebrochenen Annen-Altars. Zugehörig das Fragment des rechten Altarflügels mit dem weitgehend zerstörten Gemälde des AUGUSTINUS auf der Flügelaußenseite und LAURENTIUS auf der mit damasziertem Goldgrund ausgestatteten Innenseite. Lindenholz. Rückseiten flach und ausgehöhlt. Alte Fassung mit Ausbesserungen.

 

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Das Prämonstratenserkloster und Reichsstift Marchtal (Obermarchtal) hatte in der Donaustadt Ehingen bereits 1227 Grundbesitz. Der aus Ehingen gebürtige Abt Simon Götz (1482 -1514) und sein Konvent erwarben 1492 ein hinter der Stadtmauer in der heutigen Schwanengasse gelegenes Haus mit den Freirechten um 400 Gulden, um darin einen Pfleghof ein zurichten. Der Marchtaler Hof, bekannt als das "Hohe Haus", ist ein stattlicher Fachwerkbau, zu dem einige Wirtschaftsgebäude und zwei mit Mauern umgebene Gärten gehörten. Die nach dem Kauf östlich angebaute Kapelle wurde 1493 zu Ehren der Jungfrau Maria und der heiligen Elisabeth geweiht. Der Marchtaler "Freihof" war von den Steuern und Abgaben der Stadt befreit. Ein "Pfleger" war zur Verwaltung des Hofes und der von anderen Klostergütern angelieferten Naturalien bestellt. In schweren Kriegszeiten wurden die Einkünfte gering. Deshalb mußte der Pfleghof aufgehoben und nach langen Verhandlungen im Jahre 1801 vom Kloster verkauft werden.

Die ehemalige Hauskapelle wurde inzwischen zu einem dreigeschossigen Wohngebäude umgebaut. Äußerlich blieb der vieleckige Chorabschluß sichtbar. Die spätgotischen Kirchenfenster sind zugemauert, aber ein spitzbogiges Portal führt noch zum Innenhof. Der hohe Fachwerkbau des Marchtaler Pfleghofes ist ein Schmuckstück der einst vorderösterreichischen Stadt Ehingen. In der Hauskapelle des Marchtaler Pfleghofes wurde wahrscheinlich im Weihejahr 1493 ein Altarretabel aufgebaut, von dem die drei Schreinfiguren (89-91) und das Fragment des rechten Altarflügels (92) seit 1851 in Rottweil bewahrt werden. In der Kapelle wurde bis 1729 die Messe gefeiert, aber dann verboten, weil der Altar angeblich in Kriegszeiten entweiht worden war. Der Verkauf der Kunstgegenstände erfolgte wohl erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, nachdem der Marchtaler Hof seinen Besitzer gewechselt hatte. Zwei Stifterwappenscheiben aus den Anfängen der Kapelle gelangten ebenfalls in die Sammlung Dursch nach Rottweil und befinden sich im Bürgermeisterzimmer des Rathauses. Aus Ehingen stammt auch das gefaßte Holzrelief der Heiligen Sippe (142) dieser Sammlung.

Die drei Ehinger Holzbildwerke (Abb. S. 30) sind in alter Fassung erhalten und standen ehemals in einem Altarschrein vor damasziertem Goldgrund: die sitzende Anna Selbdritt in der Mitte erhöht, links Petrus und rechts Elisabeth mit dem Bettler. Die Figuren sind von Gertrud Otto (1927) nach gründlichen Stilanalysen dem Syrlin-OEuvre zugewiesen worden und können nach den neu gewonnenen Erkenntnissen Niklaus Weckmann und seiner Werkstatt zugeordnet werden.

Lit.: Otto, 1927, S. 147-148. - Weber, 1955, S. 310-312: Ill. Der Marchtaler Klosterhof.