Werkstatt Niklaus Weckmann

ANNA SELBDRITT, sitzend.
Auf ihrem Schoß die gekrönte Gottesmutter MARIA mit dem Buch des Hohenliedes
und das segnende CHRISTKIND mit der Weltkugel.

 

1493
Aus Ehingen/Donau, Alb-Donau-Kreis. Mittlere Schreinfigur eines Altars der ehemaligen Kapelle des Marchtaler Klosterhofes.

Lindenholz. Am Block seitlich zwei Holzstücke angefügt. Beifiguren aus dem Block geschnitten. Rückseite flach und ausgehöhlt. Im Hinterkopf eine runde Aushöhlung. Holz im Nacken ausgebrochen, darunter eine kräftige Ring schraube. Risse ausgespänt. Alte Fassung mit geringen Ausbesserungen. ANNA mit blassem Inkarnat. Hule und Kopftuch weißlich. Gewand dunkelrot mit blauen Lasuren. Mantel außen vergoldet, innen dunkelblau. Am Mantelsaum eine vergoldete Borte mit Blumenornament. MARIA mit blonden Haaren und vergoldeter Krone. Gewand außen vergoldet, innen dunkel blau. Buch mit braunem Einbau und weißlichen Blättern. CHRISTKIND mit lebhaftem Inkarnat. Weltkugel vergoldet. Seitenwangen des Sitzes dunkelbraun.
H 95 cm, B 44 cm, T 21,5 cm.

 

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Gestalt des Neuen Testaments oder der Heiligenlegenden ist neben Christus und Maria unter den Bildwerken der Rottweiler Kunstsammlung so häufig vertreten wie die heilige Anna, die Mutter Mariens. Die künstlerischen Darstellungen der ANNA SELBDRITT und deren Erweiterungen zur HEILIGEN SIPPE erfreuten sich in den Jahrzehnten vor und nach 1500 besonderer Beliebtheit und Volkstümlichkeit, nachdem das Konzil von Basel sich 1439 für die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens ausgesprochen hatte.

Auch die Prämonstratenser des Reichsstiftes Marchtal bemühten sich um die Ausbreitung der im Volk beliebten Annenverehrung. In der 1493 vollendeten Hauskapelle ihres Ehinger Pfleghofes wurde nach ihrem Auftrag eine sitzende Anna Selbdritt in die Mitte des neuen Altarwerks gestellt. Die Bilderfolge dieses "Annen-Altars" umfaßte eine bemerkenswerte Auswahl von Heiligengestalten, alle in gleicher Größe dargestellt. Der erfahrene Bildschnitzer hat die Ehinger Annengruppe (Abb. S. 32) in traditionsgebundener Komposition im eng begrenzten Raum untergebracht. Er war gezwungen, bei der sitzenden Anna den Reliefschnitt anzuwenden, um Raumtiefe schichtweise vorzutäuschen. Dennoch konnte er die kleinen Beifiguren voll plastisch aus dem Holzblock schneiden. Auch beim vielfältig motivierten Faltengefüge des Mantels mit seinem zwischen den Knien nach außen umgeschlagenen blauen Futter, mit den tief eingeschnittenen Schattenhöhlen und den zangenartigen Faltengebilden ist keine drängende Raumnot zu erkennen. Unsere von der Wirklichkeit gebundenen Vorstellungen verleiten dazu, in den Selbdrittgruppen zunächst die natürlichen Beziehungen der drei Lebensalter von Großmutter, Mutter und Kind zu untersuchen. Bei der Annengruppe aus Ehingen erreicht der Jesusknabe die alters bedingte Größe im Vergleich zur erwachsenen Gestalt der Großmutter. Die Wechselbeziehungen dieser Beiden sind verborgen angedeutet: etwa die verhaltene Besorgtheit der alternden Frau um den unbekümmerten Bewegungsdrang des Kindes. Die Gestalt der "Kleinmaria" auf dem Arm der Mutter Anna ist in traditionellen Werkbindungen erstarrt und als erklärende Beifigur klein gemessen. Die in Gedanken versunkene Mädchengestalt läßt keine Regungen gegenüber ihrem Kind oder ihrer Mutter erkennen.

Die Annengruppe aus Ehingen soll nicht ein Familienidyll darstellen, auch wenn die menschlichen Beziehungen zwischen den drei Gestalten nicht ganz verdrängt sind. Es handelt sich vielmehr um ein Gruppenbild voll weltabgeschiedener Innerlichkeit, besonders wenn man den versonnenen Ausdruck im Gesicht der ehrwürdigen Anna betrachtet. Auch die gekrönte Kleinmaria ist über dem aufgeschlagenen Buch des Hohen Liedes in Gedanken versunken und zur Symbolfigur geworden. Nur der Jesusknabe durchbricht die Erstarrung und wendet sich segnend zum Betrachter. Dennoch ist diese Anna keine weltferne Heilige, sondern eine menschlich anmutende Frau, deren leise zur Seite geneigter Kopf zwischen der engen Hule und dem tief hereinhängenden Kopftuch ein fein geschnittenes Ahnengesicht mit dem Ausdruck schmerzlich empfundener Erfahrungen zeigt. Hier hat die Hand des Meisters ein gegriffen und das Bildwerk mit dem Stempel seiner empfindsamen Persönlichkeit gekennzeichnet. Vom Erfindergeist des Bildschnitzers zeugen die verwickelten Drapierungen des Mantels mit dem zwischen den Knien nach außen gewendeten Futter oder die komplizierten Umschläge des mit einem Blumenmuster verzierten Mantelsaums. Neuartig ist auch das am Mantel über dem Boden eingezwängte Faltengebilde der "Zange", bei der ein schmaler Grat von einer breiten Form zangenartig ergriffen wird. Hier verbinden sich die schöpferischen Vorstellungen mit dem handwerklichen Können eines erfahrenen Bildschnitzers.

Lit.: Dursch, 1851, S. 15, Nr. 48. - Baum, 1 = 11, S. 69 mit Anm. 4. - Gertrud Otto, 1927, S. 147-148, mit Abb. 157. - Baum, 1929, S. 43, Nr. 117 mit Abb. S. 85. - Paul Schmid, 1 = 34, S. 68 ff, mit Abb. T. 23, Nr. 117. - Weise, 1955, S.12 mit Abb. 21. - Stähle, 1977, S. 40, Nr. 31.