Hans Thoman: AUFFINDUNG DES KREUZES CHRISTI

Kaiserin Helena und ihr Sohn Konstantin mit Gefolge erkennen das Kreuz Christi nach dem Berühren einer Toten an deren Erwachen zum Leben.

 

1515/16

Aus Wangen am Rhein, Landkreis Konstanz. Andachtsbild aus der Chorkapelle der 1511 erweiterten Pfarrkirche St. Pankratius mit der Grablege der Herren von Ulm zu Marbach und Wangen.

Lindenholz. Rund bearbeitet. Am Holzblock vorn links und hinten rechts ein Stück angefugt. Unteres Ende des Kreuzstammes aus Kiefernholz angesetzt. Beide Hände der Helena angestückt. Ihre Perlenkrone am oberen Rand ausgebessert. Mantelfalten auf der Rückseite des hinteren Gefolgsmannes ergänzt. Fugen ausgespänt. Standfläche durch ein Brettstück ausgeglichen. Fassung abgenommen. Reste von weißer Grundierung, rotem Bolus, Vergoldung und Bemalung besonders auf der Rückseite erhalten. Auf dem Kragen Konstantins Reste eines Pelzhaarmusters erkennbar, das in den Grund der Malschicht eingraviert worden ist. Spuren einer späteren Übermalung mit Ölfarbe im Tonwert des Holzes erhalten.
H 87 cm, B 66 cm, T 30 cm.

 

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Die Heiligkreuzlegende berichtet von der Entdeckung des in Jerusalem nach dreihundert Jahren verschollenen Kreuzes Christi durch Kaiserin Helena und ihren Sohn Konstantin. Im Glauben an die Wunderkraft des Kreuzes Christi fanden sie unter drei Kreuzen das echte heraus, indem sie es mit einer im Sarg liegenden Toten in Berührung brachten, die dadurch zu neuem Leben erwachte.

Der Bildschnitzer hat die KREUZAUFFINDUNG als rundplastische Figurengruppe gestaltet. In ausgewogener Komposition sind sechs Figuren im verfügbaren Raum des Stammholzes ohne spürbares Drängen zusammengerückt. Dabei war es notwendig, die Raumtiefe stufenweise im Reliefschnitt zu bewältigen. Kaiser Konstantin nimmt die Mitte der Gruppe ein. Seine beherrschende Gestalt löst sich von den im Hintergrund stehenden Begleitpersonen. Kaiserin Helena steht seitlich im Mittelgrund und wendet sich zur Bildmitte. Gegenüber beugt sich der Gefolgsmann mit dem Kreuz fast vollplastisch in den Vordergrund. Aus dem am vorderen Bildrand aufgestellten Sarg richtet sich die zum Leben erweckte Frau auf. Kreuz und Sarg sind räumlich verkürzt dargestellt. In seitlicher Sicht sind die Raumschichten der Figurengruppe klar abgesetzt. Die Rückseite der Gruppe ist im Reliefschnitt flach bearbeitet. KONSTANTIN ist nach den Vorstellungen des Künstlers in dieser Szene kein allgewaltiger Herrscher, sondern ein vornehm zurückhaltender Charakter. Er ist Zeuge eines Wunders und sucht mit fragendem Blick nach einer Erklärung. Ein gepflegter Vollbart, ein hohes Barett, ein pelzverbrämter Mantelkragen steigern seine würdevolle Erscheinung. HELENA ist mit ausdrucksvollen Gesten der Hände stärker in die Handlung einbezogen und deutet das Ereignis. Das Antlitz der alternden Frau ist vom Kopftuch überschattet. Ein Perlenkranz ziert das Haupt der schlicht gekleideten Kaiserin. Der von rechts nach vorn gebeugte Gefolgsmann bringt im Umgang mit dem wunderwirkenden Kreuz Belebung in die Szene. Sein Kopf mit dem Lockenhaar und dem breiten Barett ist weit vorgeneigt. Seine Aufmerksamkeit gilt der nach der Berührung mit dem Kreuz in ihrem Sarg aufgerichteten Frau.

Die Erweckung einer Toten bei der Erprobung des Heiligen Kreuzes ist in den Vordergrund der Figurengruppe gerückt. Die zum Leben Erwachte hebt betend die Hände, während ihr vom Kopftuch umhülltes Gesicht sich noch nicht aus der Starre gelöst hat. Das Kreuz strahlt seine erlösende Kraft aus, und der Sarg wird zur Stätte der Auferstehung zum ewigen Leben.

Der Künstler hat die Erprobung des Kreuzes in die Mitte einer ausgewogenen Komposition gesetzt. Die Bildachse ist mehrfach betont. Die Bildflanken sind durch steil abfallende Parallelfaltenscharen verstärkt. Die Kreuzbalken und Armbewegungen schneiden in das Zentrum der Handlung, linear und thematisch. Auch die Rückseite der Figurengruppe spiegelt die Betonung der Bildachse in der Ordnung der Mantelfalten der drei hinteren Figuren wider. Auf den versteckten Rückenflächen konnte der Parallelfaltenstil breitgefächerte Muster entfalten. Die sechs ausdrucksgeladenen Charakterköpfe der Wangener Kreuzauffindung verraten am deutlichsten die persönliche Handschrift des Meisters Hans Thoman und seine von der Renaissance beeinflußte Kunstauffassung . Über den ehemaligen Standort des Bildwerks vermerkt Dursch (1851) ausdrücklich, daß es "aus der Kapelle der Pfarrkirche zu Wangen am Rhein" stammt, also nicht im Chor stand oder zum Altarretabel der Marienkrönung gehörte. Die Figurengruppe der Kreuzauffindung diente in der damals südlich an den Chor grenzenden Grablege des Ortsadels als offenbar freistehendes Andachtsbild zum Hinweis auf die Auferstehung der Toten im Zeichen des Kreuzes. Damit verband sich auch die Verehrung des Heiligen Kreuzes.

Lit.: Dursch, 1851, S.10, Nr.19. - Gröber, 1922, S. 7, Abb. 22. - Baum-Getzeny, 1927, T. 12. Baum, 1929, S. 39, Nr. 97 mit Abb. S. 74. P. Schmid, 1934, S. 79, Nr. 97 mit Abb. T. 27. Weise, 1955, S. 18 mit Abb. 40. - Otto, 1965, S. 5, Abb. 4. - Zimmermann, 1979, S.56.