Hans Thoman: FLÜGELRELIEF

mit NIKOLAUS, SEBASTIAN und ANTONIUS DEM EINSIEDLER

 

 

1515/16

Aus Wangen am Rhein, Landkreis Konstanz. Relief von der Innenseite der rechten Schreintüre eines abgebrochenen Altarwerks der Pfarrkirche St. Pankratius. Gegenstück zum Relief der rechten Schreintüre mit ÄGIDIUS, MATTHÄUS und THEODUL.

Lindenholz. Tafel aus drei Bohlen verfugt. Flachrelief mit drei oben im Umriß ausgeschnittenen Figuren, ehemals vor neutralem Bildgrund angebracht. Rückseite glatt, an zwei Stellen mit Leinwand und Sperrholz verstärkt. Relief rechts unten im Viertelkreisbogen ausgeschnitten. Pfeil in der linken Hand des Sebastian ergänzt. Fassung abgenommen. Spuren einer weißen Grundierung erkennbar.
Relief: H 120 cm, B 79 cm, T 7 cm.
Neuer Bildträger: H 160 cm, B 100 cm.

 

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Die drei Heiligen auf dem rechten Flügelrelief wurden von Dekan Dr. Dursch (1851) richtig erkannt als "Nikolaus mit drei Broden (Goldkugeln) auf einem Buche, Sebastian mit einem Pfeile und Antonius der Einsiedler mit dem Schwein". In der Dreiergruppe sind die Heiligen zu einer gelehrten Disputation versammelt, unbeteiligt an der Szene im Altarschrein, aber in den Körpergrößen übereinstimmend mit den Schreinfiguren. NIKOLAUS, Nothelfer der Armen, hat einen Platz dicht beim Schrein und nimmt mit dem Umriß seiner Gestalt und den Mantelfalten die Senkrechte des Türenrahmens auf. Er präsentiert drei Goldkugeln auf dem Buch mit eindringlicher Geste. Im gerafften Tuch steigen diagonal verspannte Falten auf.

In der Mitte der Gruppe steht frontal ein Mann mit breitem, bartlosem Gesicht, den der ergänzte Pfeil als SEBASTIAN ausweist. Er trägt ein Barett auf dem gelockten Haar. Auf dem breiten Mantelkragen sind Spuren eines Pelzmusters zu finden. Rechts sitzt in würdevoller Haltung ANTONIUS der Einsiedler. Das halbverdeckte Schwein vor seinen Füßen kennzeichnet ihn als Nothelfer in Seuchengefahren. Sein Gesicht wird von einem wallenden Bart und lebhaft gewellten Haaren umschlossen. Der auffallend schöne Kopf des Eremiten ist mit einem hohen Barett bedeckt, das eine Bildlücke kunstvoll schließt. Der Standplatz des runden Stuhls ist geschickt verdeckt, und die Stuhllehne leitet den Blick vom Bildrand in den Vordergrund. Der Ausschnitt des Reliefs an der rechten unteren Ecke ist noch im ursprünglichen Ver lauf eines Kreisbogens erhalten. Die äußeren Ecken der Schreintüren waren demgemäß im Viertelkreisbogen ausgeschweift und ließen beim Schließen des Schreins eine halbkreisförmige Überhöhung in der Mitte der Predella unbedeckt, wie die Rekonstruktion von Eva Zimmermann veranschaulicht. Die Flügelreliefs vom Wangener Altarwerk geben Aufschluß über die in der Memminger Werktradition verwurzelte Bildschnitzkunst des Hans Thoman, der um 1515 sich den Einflüssen der Renaissance und des Humanismus öffnete. Der Aufbau des Wangener Altarretabels war auf symmetrische Ausgewogenheit angelegt, in der es auch Raum für schwungvolle Bewegungen gab, gesteigert durch mitlaufende Schwünge im Faltengefüge der Gewänder. Seine Bildkunst ist eine geistige Verdichtung vielschichtiger Anregungen zu einem Weltbild voll Humanität.

Lit.: Dursch, 1851, S. 17, Nr. 64. - Baum, 1929, S. 40, Nr. 99 mit Abb. S. 75. - Otto, 1965, S. 5, Abb. 7. - Zimmermann, 1979, S. 50 mit Abb. 6.