Oberschwäbischer Bildschnitzer: HEILIGE SIPPE, Relief

 

 

Um 1520
Aus Ehingen, Alb-Donau-Kreis. Relief aus einem Privathaus.

Lindenholz. Platte aus drei Bohlen verfugt. Flachrelief mit halbrund geschnittenen Figuren vor den Wandflächen eines Wohnraums. Rückseite flach, zur Verfestigung schwacher Stellen mit dünnen Holzplättchen verstärkt. Riß ausgespänt. Alte Fassung mit Ausbesserungen. Maria: Inkarnat hell getönt. Haare dunkelblond, vom Stirnband gehalten. Gewand vergoldet. Brusttuch bräunlich. Mantel außen vergoldet, innen blaugrau. Kind: Inkarnat einheitlich blaß getönt. Haare blond. Josef: Inkarnat mit kräftigen Tönen. Haare braungrau. Gewand grünlich. Mantel außen vergoldet, innen gelborange. Die rechte Hand hält das geschulterte Attribut (?), die linke den Gebetskranz. Strümpfe gelblichweiß. Schuhe schwärzlich. Anna: Inkarnat blaß getönt. Kopftuch braunrot. Gewand dunkelrot. Mantel außen vergoldet, innen grün. Sandalen braun. Joachim: Inkarnat kräftig getönt. Kappe rot, Aufschlag vergoldet. Gewand vergoldet. Mantel außen vergoldet, innen grün. Hosen grau. Stiefel graugrün. Sitzbänke und Boden rotbraun. Wände graugrün. Türe offen, mit Durchblick in die Landschaft. Himmel hellblau, Berge dunkelgrün. Fenster mit Säulen und Rundbogen.
Relief: H 93 cm, B 58 cm, T 6 cm.
Neuer Bildträger: H 125 cm, B 70 cm, T 5 cm.

 

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Das Relief der Heiligen Sippe stammt nach den Angaben des Sammlers Dekan Dr. Dursch im Verzeichnis von 1851 "aus einem Privathaus in Ehingen", nicht aus Ehningen bei Reutlingen, wie Julius Baum (1929) berichtet.

Der Bildschnitzer hat die allgemein übliche Komposition der Heiligen Sippe in ein familiäres Idyll mit ansprechend freundlichen Zügen verwandelt. Offenbar hat er für den wohl privaten, nicht kirchlichen Auftraggeber, Anregungen aus graphischen Blättern ins Flachrelief übertragen. Kernstück der Komposition ist das liebevolle Bemühen der Großmutter Anna um den auf dem Schoß seiner Mutter Maria sitzenden Jesusknaben und dessen freudiges Spiel mit dem dargereichten Apfel, dem symbolträchtigen Zeichen. In den vom Gleichlauf der Faltenzüge harmonisch begleiteten Bewegungen der ehrwürdigen Ahne kommen Mütterlichkeit und Zärtlichkeit zum Ausdruck. In der präsentierenden Haltung Mariens liegt der Stolz der auserwählten Gottesmutter. Die beiden Männer stehen als Zuschauer bei diesem Idyll. Der ehrfürchtig dreinschauende Hirte Joachim ist von draußen dazugekommen, und der besorgte Zimmermann Josef hat die Arbeit kurz unterbrochen. Seine verdrehte Stellung ist im Reliefschnitt sehr schwer darzustellen. Dennoch hat der Schnitzer die zeichnerisch gestellte Aufgabe meisterhaft bewältigt.

Die Fragen nach dem Auftraggeber, dem ehemaligen Verwendungszweck und Standplatz des Reliefs, oder nach seinem Urheber können nur mit Vermutungen weitergereicht werden. Der Sammler konnte oder wollte keine genaueren Hinweise auf die Herkunft geben. Der Künstler hat in erzählerischer Breite ein Familienidyll dargestellt, das stilistisch in die Kunstauffassung der Renaissance um 1520 eingeordnet werden kann. Werkverwandt ist das von Christof von Urach 1519 signierte Veits-Retabel in Ehingen.

Lit.: Dursch, 1851, S.11, Nr. 23. - Baum, 1929, S.52, Nr.181 mit Abb. S. 124.