Neckarschwäbischer Bildschnitzer: MARIA mit Kind, gekrönt

 

 

Um 1510-20
Aus Fluorn-Winzeln, Landkreis Rottweil. Schreinfigur. Aus der Pfarrkirche

Lindenholz. Rückseite flach und ausgehöhlt. Rechte Hand der Mutter ergänzt. Arme und Beine des Kindes angestückt. Zacken an der Krone hinten und Perlen des Kronreifs ergänzt. Verschiedene Risse ausgespänt, in der Aushöhlung mit Klemmen gesichert. Ausgebrochene Stellen ergänzt. Fassung abgenommen.
H mit Krone 142,5 cm, B 57,5 cm, T 31,5 cm.

 

*

Die Madonna aus Winzeln ist ein Werk des schwungvollen "barocken Stils der spätgotischen Bildschnitzerei" im Gebiet des oberen Neckars vom Schwarzwald bis in die Schwäbische Alb. Das Bildwerk stammt nach den Angaben des Sammlers Dekan Dr. Dursch "aus der Pfarrkirche" des heute mit Fluorn zusammengeschlossenen Schwarzwaldortes. Die Winzelner Madonna (Abb. S. 130) fällt durch die schwungvolle Bewegung auf, die von der Ausbiegung der vom Kind belasteten linken Körperseite ausgeht und im kraftvoll ausladenden Faltenfluß des gerafften Mantels eine starke Gegenbewegung erfährt. Im Kontrapost der Körperlast lassen sich Standbein und Spielbein kaum unterscheiden, denn sie sind hinter den Faltenmassen völlig verdeckt. Daraus entsteht der Eindruck ausgeglichener Standfestigkeit. Dem großzügigen Schwung steht eine anmutige Gegenbewegung des gekrönten Madonnenkopfes und die Haltung des Kindes entgegen. Selbst im geschlossenen Umriß des Holzbildwerks oder in den eigenwilligen Faltenbildungen wiederholt sich der kraftvolle "barocke" Schwung.

Die Winzelner Madonna (Abb. S. 130, 133) ist als Gottesmutter und Himmelskönigin voll Schönheit und Würde dargestellt. Ihr rund und weich geformtes Gesicht strahlt weibliche Anmut und unverbrauchte Lebensfülle aus. Unter dem Kronreif quellen zarte Haarwellen hervor und schmiegen sich auf die breit gewölbte Stirn. Ein langer Nasenrücken, weiche Lippen, fleischig volle Wangen und ein rundes Kinn geben dem Gesicht Frische und Kraft. Zwischen den fein geformten Augenlidern senkt sich der Blick der Christusträgerin versonnen nach unten. Mit überschwenglichem Eifer widmet sich der Bildschnitzer der Aufgabe, die im Hohen Lied gepriesene Schönheit der Auserwählten darzustellen: Ihre offenen, von der Krone gezierten und weit über die Hüften herabreichenden Haare stauen sich in üppigen Wellen auf den Schultern und gleiten dann lebhaft schlängelnd über die vom Mantel bedeckten Oberarme. Der eckige Ausschnitt des modisch engen Mieders ist auf der Brust mit einem Perlenband gesäumt. Nur die unbeholfen ergänzte Hand der Mutter und die verdreht angesetzten Arme des Kindes werden in dieser beschwingten Formenharmonie störend empfunden. Das Gotteskind mit dem Lockenkopf hielt wohl schon ehedem die Weltkugel als Zeichen seiner Allmacht und wandte sich segnend zum Betrachter. Im Faltengefüge des vor den Körper gezogenen Mantels hat der Bildschnitzer hergebrachte Gestaltungsmotive mit Kraft geladen und in "barocken" Schwung versetzt. Unter dem auf der linken Seite getragenen Kind fallen die Falten steil ab und werden in knorpeligen Gebilden gestaut. Auf der rechten Seite wird der weit ausschwingende Umriß von den über den Arm laufenden Bewegungen des Mantelsaums begleitet. Der große Schwung wird von diagonal verspannten Stoffbahnen aufgenommen und kraftvoll gesteigert.

Neben der großartigen Konzeption des Bildwerks, der weit ausholenden Linienführung im Figurenumriß wie im Verlauf der Diagonalfalten darf die realistische Tendenz der Formgebung nicht übersehen werden, die sich bis in die Details verfolgen läßt.

Der "Meister der Winzelner Madonna", wie der Unbekannte zur Unterscheidung benannt wird, war ein hochbegabter Künstler, dessen diesseitsorientierte Einstellung und "barocker" Überschwang sich wohltuend abheben von der in einer gewissen formalen Leere befangenen Bildschnitzkunst um und nach 1500. Gemessen an der künstlerischen Qualität wird man die Winzelner Madonna als ein Hauptwerk des im Gebiet des oberen Neckars und vermutlich in Rottweil ansässigen Bildschnitzers betrachten müssen. Stilverwandt, wenn nicht von derselben Hand oder Werkstatt, sind die ebenfalls in der Rottweiler Kunstsammlung bewahrten Holzreliefs der St. Georgener Beweinungsgruppe und des Dietinger Ölbergs. Die hier erstmals geäußerte Vermutung kann sich zwar auf enge geographische und zeitliche Zusammenhänge stützen, Stilvergleiche zwischen der vollplastischen Schreinfigur und den mehr oder weniger flach bearbeiteten Holzreliefs ergeben keine sichere Beurteilung ihrer Entstehung in derselben Werkstatt. Dennoch darf die weitgehende Übereinstimmung der stilistischen Merkmale der drei genannten Bildwerke nicht übersehen werden. Dagegen unterscheidet sich die Winzelner Madonna sehr deutlich von den Werken des in enger Nachbarschaft und etwa gleichzeitig tätigen "Meisters von Weilen".

Lit.: Dursch, 1951, S. 22, Nr. 123. - Baum, 1929, S. 48, Nr. 150 mit Abb. S. 106. - Weise, 1955, S. 15 f mit Abb. 35, 37. - Stähle, 1977, S. 35, Nr. 42 mit Abb.