Schwäbischer Bildschnitzer: NIKOLAUS

 

 

Um 1500
Aus Geislingen, Zollernalb-Kreis. Schreinfigur. Um 1850 "aus einem Privathaus" in Geislingen erworben.

Lindenholz. Rückseite flach und ausgehöhlt. Rechte Hand angestückt, Bischofsstab fehlt. Alte Fassung mit geringen Ausbesserungen. Inkarnat lebhaft getönt, mit Alterspatina. Haare dunkelbraun. Pontifikalkleidung: Am Schultertuch weiß und gold. Alba weißlich. Dalmatika ockergelb mit blauen Lasuren. Fransen dunkel abgesetzt. Pluviale außen gold auf rotem Grund, Fransen dunkelgrün; innen karminrot. Mitra auf rotem Bolus vergoldet; Flächen mit violetter Damaszierung, Borten glatt. Handschuhe weiß, mit Patina. Buch mit lederbraunem Einband, darauf drei Goldkugeln.
H 151 cm, B 44,5 cm, T 32,5 cm.

 

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Das in der Pracht seiner Farben und im Glanz des Goldes erstrahlende Bildwerk hat unter den zahlreichen Heiligenfiguren der Sammlung Dursch stets eine besondere Wertschätzung erfahren. Der Betrachter steht vor der würdevollen Gestalt des als Nothelfer der Armen verehrten Bischofs NIKOLAUS von Myra, von dem die Legende berichtet, daß er für seine von Hunger bedrohte Bischofsstadt ein Schiff mit Getreide von Ägypten ohne Schaden durch die Stürme des Mittelmeeres geleitet hat. Dem Wohltäter sind drei Goldkugeln auf das Buch gelegt zum Zeichen, daß er den drei Töchtern eines armen Mannes Goldmünzen als Heiratsgut nächtlicherweile durchs offene Fenster geworfen hat. Sankt Nikolaus, der gute Mann, wird in volkstümlichen Bräuchen jährlich am 6. Dezember verehrt und spendet seine Gaben einer erwartungsfrohen Jugend.

Der Bildschnitzer hat dem in reiche Pontifikalgewänder gekleideten Bischof Nikolaus ein festes Stehvermögen gegeben. Standbein oder Spielbein lassen sich unter der am Boden gestauten Alba nicht unterscheiden. Nur im Faltenfluß der Dalmatika ist eine leichte Ausschwingung der linken Körperseite zu er kennen. Zum Ausgleich der Körperlast sind beide Schultern zurückgenommen. Die Haltung des Kopfes ist geradeaus gerichtet und nach links geneigt. Das volle Gesicht des Heiligen ist von ernsten Zügen geprägt. Über den flach gezogenen Augenbrauen laufen Falten über die ganze Breite der Stirn. Die Augenlider sind scharf umrissen. Der langgezogene Nasenrücken wird von schmalen Flügeln flankiert. Die Lippen sind fest geschlossen, und ein starker Unterkiefer erhöht den ernsten Ausdruck. Nur ein paar lebhaft eingerollte Locken vermitteln einen freundlichen Klang. Auf der steil aufgerichteten Mitra hat der Künstler seine beachtenswerte Kunstfertigkeit ausgebreitet. Zwischen den Borten ist ein zur Mitte geordnetes Damastmuster fein säuberlich in den weißen Grund geschnitten, mit Blattgold überzogen und durch Farblasuren violett abgesetzt. Erhöhte Ornamentborten umsäumen die Damastflächen. Über der in Ockertönen leuchtenden Dalmatika hängt das von den Unterarmen geraffte Pluviale. An den Schultern kommt der rote Bolusgrund zum Vorschein und vermittelt dem dünnen Blattgold einen warmen Schein. Verzierte Borten und grüne Fransen säumen den festlichen Mantel, dessen Innenseite mit karminrotem Futter ausgeschlagen ist. Die von weißen Handschuhen verhüllten Hände präsentieren die kostbaren Attribute mit feierlicher Geste. Form, Farbe und Zier steigern in voller Harmonie den Ausdruck des aus alter Werktradition hervorgegangenen Bildwerks.

Keine Nachricht verrät, woher, wann und unter welchen Umständen die prachtvolle Nikolausfigur in Privatbesitz nach Geislingen kam und weiter im Kunsthandel zusammen mit der nicht zugehörigen Figur des heiligen Königs um 1850 in die Sammlung Dursch nach Rottweil gelangte. Es ist nicht sicher, ob die Nikolausfigur von einem abgebauten Altarretabel der Pfarrkirche in Geislingen oder aus der weiteren Umgebung stammt. Es läßt sich nur feststellen, daß die von Dekan Dr. Dursch ebenfalls in Geislingen erworbenen Schreinfiguren der Barbara, Agathe und des Nikolaus aus anderen Zusammenhängen kommen. Nach der Beurteilung von Julius Baum (1929) ist die Nikolausfigur um 1500 entstanden. Die Freizügigkeit des Bildschnitzers in der unauffälligen Verlagerung der Körperlast und der damit verbundenen Standfestigkeit der Gestalt, in der doppelseitigen Raffung des Mantels, in der modischen Verwendung von Fransen an den Gewändern weist eher auf eine spätere Entstehungszeit hin. Die Fragen nach dem Urheber des Bildwerks und dem Standort seiner Werkstatt, nach dem Auftraggeber und der verschleierten Herkunft der im Kunsthandel vereinzelten, aber hoch zu bewertenden Heiligenfigur lösen nur Vermutungen aus. Die hohe künstlerische Qualität und die Maße der ehemaligen Schreinfigur geben nur spärliche Hinweise auf einen damals weitbekannten Meister und seine leistungsfähige Werkstatt, auf einen vermögenden Auftraggeber und ein spätgotisches Altarretabel von beachtlicher Größe. Für die Suche nach zugehörigen oder stilverwandten Bildwerken gibt es nur wenige Anhaltspunkte.

Lit.: Dursch, 1851, S. 11, Nr. 22. - Baum, 1929, S. 51, Nr. 173 mit Abb. S. 123. - Stähle, 1977, S.47, Nr. 39 mit Abb.