Schwäbischer Bildschnitzer: SEGNENDER CHRISTUS

 

 

Fragment 17. Jahrhundert

Aus Wurmlingen, Landkreis Tuttlingen. Halbfigur als Fragment eines Palmesel-Christus. Aus der Pfarrkirche.

Lindenholz. Rund bearbeitet. Von der Rückseite her ausgehöhlt und nachträglich mit drei Rundstäben verschiedener Länge ausgespannt. Brettstück zur Abdeckung der Rückenfläche fehlt; Dübelreste der Befestigung vorhanden. Im Hinterkopf ein breiter, bis zum Holzkern ausgebrochener Spalt. Die jetzige Standfläche läßt die Abtrennung von der Figur im unebenen Sägeschnitt erkennen. Auf dem Scheitel und zu beiden Seiten des Kopfes die Reste der abgebrochenen Nimbusstrahlen. Beide Hände fehlen. Sie waren in die Aushöhlungen der Ärmel eingesetzt. Die rechte Hand war segnend erhoben, die linke führte die Zügel des Esels. Verschiedene Risse und Schäden. Fassung abgenommen. Farbreste erkennbar, besonders im Gesicht.
H 59 cm, B 49 cm, T 23 cm.

 

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Die in den Hüften abgesägte Halbfigur eines segnenden Christus ist das kümmerliche Fragment eines Palmesel-Christus. In Nachahmung des bei seinem Einzug in Jerusalem auf einer Eselin reitenden und von Hosiannarufen begleiteten Christus entstand das Brauchtum, am Palmsonntag eine auf dem hölzernen Esel fahrbare Christusfigur durch die Straßen zur Kirche zu führen, begleitet von kunstvoll gebundenen, auf Stangen voran getragenen "Palmen". Das von Dekan Dr. Dursch (1851) in der Kunstsammlung verzeichnete "Brustbild von Chri stus, auf der Eselin reitend" kommt aus der Pfarrkirche von Wurmlingen, wo er Pfarrer war. Drei Nimbusstrahlen zierten ehemals das Haupt des in feierlicher Prozession durch Wurmlingen geführten Palmesel-Christus. Der reitende Sohn Davids auf dem Palmesel von Egg (Ende 15. Jahrhundert, im Vorarlberger Landesmuseum Bregenz) trägt die Königskrone. Der Wurmlinger Christus schaut in Richtung der einst segnend erhobenen rechten Hand, also auf die beteiligten Zuschauer am Prozessionsweg. Das glatt gescheitelte Haar fließt in schwungvoll gelegten Wellen über die Schultern und den Nacken. Die Spitzen des geteilten Bartes laufen in spiralig gedrehten Locken aus: ein schön gestalteter und mit farbigem Inkarnat sicher ansprechender Christuskopf. Das Gewand ist in den Hüften eng gegürtet. Der Faltenfluß gibt keinen Hinweis auf den Reitsitz der Christusfigur. Der Mantel öffnet sich vor der Brust und hängt seitlich über die Arme. In den tiefen Höhlungen der Ärmel waren einst die einzeln geschnittenen Hände eingeleimt: die rechte Hand segnend, die linke die ledernen Zügel haltend.

Für die stilistische und zeitliche Einordnung des verstümmelten Bildwerks gibt es keine sicheren Anhaltspunkte. Für die Entstehung hat Julius Baum (1929) das ganze 17. Jahrhundert als Spielraum offen gelassen. Der Christuskopf läßt sich auch in die stilistische Entwicklung zu Beginn des 16. Jahrhunderts einordnen. Die verlorenen Nimbusstrahlen oder die abgesägten Gewandteile könnten weitere Hinweise geben. Neben den schlichten, realistischen Zügen kann sich ein barocker Schwung nicht verbergen. Stilvergleiche mit Werken anderer Bildschnitzer haben keine Klärung ergeben.

Lit.: Dursch, 1851, S. 26, Nr. 123. - Baum, 1 1929, S.54, Nr.194 mit Abb. S.127.