HANS THOMAN

BILDSCHNITZER IN MEMMINGEN

Vom Lebensweg und Lebenswerk des Bildschnitzers Hans Thoman in Memmingen zeugen nur wenige urkundliche Nachrichten, mit deren Hilfe ein Bild seines künstlerischen Schaffens nachgezeichnet werden kann. In den Memminger Urkunden ist Hans Thoman als Bürger der Stadt mehrfach nachweisbar: 1514 als Hauptmann zum Krugtor, 1522-25 als Zweier der Kramerzunft, 1525 als Zeugmeister und Büchsenmeister der Stadt, 1525 beim Verkauf einer Wiese vor dem Kalchtor, 1514 auch als Urkundsperson bei der Verdingung einer Altartafel für die Frauenkirche an Ivo Strigel. Daraus können keine sicheren Erkenntnisse über seine Herkunft, Ausbildung oder künstlerische Tätigkeit gewonnen werden. Das in Feldkirch (Vorarlberg) vom Katholischen Pfarramt St. Nikolaus bewahrte Holzrelief des Abendmahls Christi war lange Zeit als einziges authentisches Werk Thomans bekannt. Es stammt aus der Predella eines ehemaligen Altarretabels, der Nikolauskirche, welches 1515 von Bernhard Strigel und Hans Thoman geschaffen worden ist. Das geht aus der überlieferten, lateinisch verfaßten Werkinschrift hervor. Alle zugehörigen Werke schienen verschollen. In der kunstgeschichtlichen Forschung konnte keine einheitliche Beurteilung erreicht werden, ob das dem "Meister von Ottobeuren" zugeordnete OEuvre schwungvoll stilisierter Bildwerke aus den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts aus einer größeren Werkstatt kommt, ob verschiedene Hände oder Werkstätten an der Entstehung der Bildwerke beteiligt waren und welcher Anteil des Werkbestandes dem in Memmingen nachweisbaren Bildschnitzer Hans Thoman zugeordnet werden muß. Urkundlich nachweisbare Werke fehlten.

Erst nachdem Karl Werner Klüber 1964 im Heiligenzinsrodel von Wangen am Rhein Abrechnungen über den 1515/16 von Hans Thoman gelieferten Schnitzaltar entdeckt hatte, war es möglich, die in Karlsruhe und Rottweil bewahrten Bildwerke des im 18. Jahrhundert abgebrochenen Retabels der Werkstatt des Memminger Bildschnitzers zuzuordnen. Mit einer Zusammenstellung der noch vorhandenen, zum Teil verstümmelten Schreinfiguren und Flügelreliefs vom ehemaligen Wangener Altarretabel konnte Willi Stähle 1968 mit der gebotenen Vorsicht nur eine Himmelfahrt Mariens als Thema des Figurenprogramms dokumentieren. Unter Erweiterung dieses Programmes um zwei vermutlich verlorengegangene Halbfiguren des segnenden Gottvaters und Christus hat Eva Zimmermann 1979 ihren Rekonstruktionsversuch zu einer Krönung Mariens über den zu beiden Seiten im Schrein und auf den Flügelinnenseiten dargestellten Heiligengruppen ausgeweitet. Den Bildwerken aus Wangen kommt bei der Er kennung weiterer Werke Thomans eine besondere Rolle zu. Das von Alfred Schädler (1964) zusammengestellte OEuvre des "Meisters von Ottobeuren" ist von Gertrud Otto (1965) in einem Kurzbericht großenteils Hans Thoman zugewiesen worden: Anstöße zu kritischen Stilanalysen im Umfeld der Thoman-Forschung. Ungeklärt ist noch, ob Hans Thoman an dem 1501-1507 in der Memminger Martinskirche errichteten, mit 66 Holzbildwerken reich gestalteten Chorgestühl als der in den Abrechnungen an bevorzugter Stelle mehrfach genannte Geselle "Hans" mitgearbeitet hat. Der vertragschließende Meister war Hans Herlin, Bildhauer in Memmingen, im Werkvertrag nach seinem Herkunftsort Hans Doprazhauser genannt. Auf der Kleidborte der Europäa sind die Buchstaben HAN, am Ärmel ein T zu finden: vermutlich das verborgene Signum des Gesellen Hans.

Hans Thoman war zu dieser Zeit wohl noch nicht als Meister selbständig, sonst hätte er an auffallender Stelle des Chorgestühls signieren können. Die Europäa und einige Bildnisbüsten von Persönlichkeiten der Memminger Bürgerschaft sind von Gertrud Otto (1965) im Vergleich mit den fast ein Jahrzehnt später entstandenen und authentischen Werken Thomans vom Wangener und Feldkircher Altarwerk als Frühwerke seiner Hand beurteilt worden, nicht ohne Zweifel auszulösen. Wann Thoman eine eigene Werkstatt in Memmingen gegründet hat, kann nicht genau festgelegt werden. Nach Abschluß des großen Chorgestühls in der Martinskirche muß er eine führende Stellung in der Strigel-Werkstatt eingenommen haben, deren Werke zu dieser Zeit bis nach Graubünden und Südtirol geliefert worden sind. Ivo Strigel ist 1516 im Alter von 85 Jahren gestorben. Einen nach 1506 einsetzenden Stilwandel im bildnerischen Gestalten der Werkstatt führt Otto auf das allmähliche Ausscheiden des alternden Meisters und den wachsenden Einfluß Thomans zurück. Bei einer Reihe von Werken, die aus der Strigel-Werkstatt hervorgegangen sind, hat Otto die persönliche Formensprache Hans Thomans nachzuweisen versucht: das Hin- und Zurückschwingen im Formengefüge des Parallelfaltenstils und die Wiederkehr typischer Grundstimmungen im Ausdruck der Gesichter nach den Beispielen der Feldkircher und Wangener Bildwerke. - Vielleicht müssen diese ersten Befunde noch einer ausführlichen Stilkritik unterzogen werden. In dieser Schaffensperiode war Thoman vermutlich an einer Reihe von Werken der Strigel Werkstatt beteiligt, aber nicht ausdrücklich genannt. Im Historischen Museum Basel befindet sich ein großes Altarwerk aus Sta. Maria Calanca (Graubünden), das 1512 von Ivo Strigel signiert worden ist, und an dessen Madonna und Verkündigungsrelief die Formensprache Thomans zwischen anderen Werkanteilen zu unterscheiden ist. Auch das 1514 von Strigel signierte Altarwerk in der Veitskirche auf dem Starzer Bühel im Vintschgau (Südtirol) verrät die Hand Thomans an einigen wesentlichen Bildwerken. Das 1514 an Ivo Strigel verdingte Altarwerk der Frauenkirche in Memmingen besteht nicht mehr. Im Werkvertrag zeichnet Hans Thoman als Urkundsperson. Die spielerisch von Engelkindern mit dem Manteltuch beschützte Sitzmadonna in dem 1518 datierten Altärchen der Kirche von Immental-Mittelberg, Landkreis Marktoberdorf, kommt dem Stil der Madonna aus Sta. Maria Calanca nahe, ist jedoch zwei Jahre nach dem Tod Ivo Strigels entstanden. Auch für die Zusammenarbeit Thomans mit dem Maler Bernhard Strigel in Memmingen gibt es noch Belege. Für den 1507 an Bernhard Strigel ergangenen Auftrag, in der Liebfrauenkapelle des Klosters Salem ein Altarwerk zu erstellen, mußte der Maler einen Bildschnitzer beiziehen. Das Badische Landesmuseum Karlsruhe bewahrt noch den Schrein mit der Darstellung des Marientodes, während die zugehörigen vier Flügelgemälde mit Szenen aus dem Marienleben in Salem verblieben sind. Stilistische Zusammenhänge zwischen der Christusfigur und den Aposteln des Salemer Marientodes im Vergleich mit den Gestalten des Feldkircher Abendmahlreliefs erlauben einige Rückschlüsse auf das wiederholte Zusammenwirken der beiden Memminger Künstler. Einige Überraschung löste Gert Ammann (1967) aus, als er in Feldkirch an verschiedenen Stellen fünf bisher wenig beachtete und doch kunstvolle Schreinfiguren auffinden konnte, die wahrscheinlich von dem 1515 von Bernhard Strigel und Hans Thoman in der Nikolauskirche gemeinsam erstellten Apostelaltar stammen: eine Mondsichelmadonna im Pfarrhof, zwei Figuren der Apostelfürsten Petrus und Paulus in einem neugotischen Altarwerk der Nikolauskirche und zwei entstellend übermalte Heiligenfiguren der Agathe und Agnes in der Friedhofkapelle, - alle mit übereinstimmenden Figurenmaßen. Zum Stilvergleich dienen das schon bekannte Abendmahlsrelief aus der Predella dieses Apostelaltars und die 1515/16 aus der Thoman-Werkstatt hervorgegangenen Bildwerke vom Wangener Altarretabel. Der Figurenfund in Feldkirch ist von Gertrud Otto (1967) ohne Vorbehalt in die authentischen Werke Thomans eingereiht worden. Dagegen äußerte Eva Zimmermann (1979) Zweifel an der Zugehörigkeit der Madonna, an der Ursprünglichkeit der weiblichen Heiligenfiguren und am eigenhändigen Werkanteil des Meisters an den Apostelfiguren. Der Figurentypus der Feldkircher Madonna und Heiligen wirkt auffallend steif und schmal gedrängt gegenüber der von Engeln emporgehobenen Krönungsmaria und den bewegt komponierten Figurengruppen aus Wangen. Das Klostermuseum Ottobeuren bewahrt zwei Reliefs der Verkündigung Mariä und Geburt Christi, deren Urheber nach dem Standort als "Meister von Ottobeuren" benannt worden ist. Die renaissancehaften Bildwerke sind von Gertrud Otto (1965) dem Memminger Meister Hans Thoman als Spätwerke der Zeit um 1520 zugeordnet worden. Dieselben Stilmerkmale eng gescharter Parallelfalten haben zwei Reliefs unbekannter Herkunft im Vorarlbergischen Landesmuseum Bregenz mit den bewegten Szenen der Mantelteilung des heiligen Martin und der Enthauptung des heiligen Mauritius. Die beiden Werke passen thematisch nicht zu den Ottobeurener Reliefs aus dem Marienleben, ihre Entstehung in der Thomanwerkstatt dürfte zeitlich wohl nahe beieinander gelegen haben.

Einige Spätwerke Thomans stehen thematisch und stilistisch in enger Beziehung zu den Wangener Bildwerken. Eine aufrecht schwebende Krönungsmaria aus Sontheim bei Memmingen befindet sich im Bode-Museum Berlin. Zwei Halbfiguren des segnenden Gottvaters und Christi als Teile einer Krönung Mariä, zu groß für die Ergänzung der Wangener Figurengruppe, sind in Privatbesitz. Zwei Figurenpaare unbekannter Herkunft, ähnlich komponiert wie die Heiligenpaare aus Wangen, werden im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg bewahrt. Die Bildwerke aus dieser Spätzeit sind von hoher künstlerischer Qualität und zeugen von der Leistungsfähigkeit der Thoman-Werkstatt. Ob Hans Thoman in der Folge der Reformation seine künstlerische Tätigkeit einschränken mußte, ist nicht bekannt. Im Jahre 1525 verkauft er eine Wiese vor den Toren der Stadt. Dies ist die letzte Nachricht vom Leben des Memminger Bildschnitzers.

Das Tätigkeitsfeld des Bildschnitzers Hans Thoman und seiner Werkstatt reicht über das bayerische Schwaben zum Bodensee, nach Vorarlberg, Graubünden und Südtirol. Das künstlerische Lebenswerk des Meisters wird noch nicht einheitlich beurteilt. Seine schöpferische Kraft wandte der Künstler auf die Gestaltung von Charakterköpfen und Faltenrhythmen der Gewandung. In der Entwicklung der schwäbischen Bildschnitzkunst steht Hans Thoman als Vertreter des Parallelfaltenstils eigener Prägung an der Wende der spätgotischen Werktradition zum freiheitlichen Menschenbild der deutschen Renaissancekunst.

Lit.: Otto, 1936. - Böhling, 1937, S. 36-39, 137-159. - Schädler, 1964. - Otto, 1965. Ammann, 1967. - Otto, 1967. - Zimmermann, 1979.


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