MICHAEL ZEYNSLER

BILDSCHNITZER IN BIBERACH

 

In der Geschichte der schwäbischen Bildschnitzkunst ist der mit einem Notnamen bedachte "Meister der Biberacher Sippe" rühmlich bekannt, so benannt nach dem aus der Stadtpfarrkirche in Biberach stammenden und in Rottweil bewahrten Bildwerk der Heiligen Sippe. Der Forschung ist es gelungen, den bisher namenlosen Meister mit dem von 1515 bis 1559 in Biberach urkundlich nachweisbaren Bildschnitzer Michael Zeynsler zu identifizieren und ihm ein beachtliches Oeuvre zuzuordnen. Die urkundlichen Nachrichten über Michael Zeynsler beschränken sich auf die Reichsstadt Biberach. Keines seiner Werke wird urkundlich erwähnt, keines ist von ihm signiert. Im Jahre 1515 bittet Zeynsler erstmals, seinen Beruf in Biberach ausüben zu dürfen, was dem aus Memmingen kommenden Bildschnitzer für zwei Jahre gestattet wird mit der Auflage, keinen Malergesellen in seiner Werkstatt halten zu dürfen. Diese Genehmigung wird noch zweimal wiederholt, bis Michael Zeynsler 1523 endgültig in Biberach aufgenommen wird. In Biberach war auch der Maler und Altarbauer Jörg Kändel ansässig. Die Einschränkung, keinen Malergesellen halten zu dürfen, hat Zeynsler offenbar dazu geführt, seine Holzbildwerke mit fein bearbeiteter Oberfläche und gemalten Pupillen und Lippen anzufertigen. Ungefaßte Holzbildwerke waren in Oberschwaben zu dieser Zeit eine Ausnahme. Michael Zeynsler hat seine Lehre vermutlich in Ulm erhalten und als Geselle in Memmingen zeitweise am Chorgestühl der Martinskirche gearbeitet. Vielleicht war er der in den Wochenrechnungen der Martinspflege 1501/02 und 1505/06 wochenlang an bevorzugter Stelle genannte Geselle Michael. In Memmingen war für Zeynsler neben der Strigel-Werkstatt, Hans Thoman und Hans Härlin auf die Dauer kein Platz. Er wird sich deshalb nach Biberach gewandt haben. Nach den von Gertrud Otto (1952/53) gewonnenen Erkenntnissen stellt der 1514 entstandene Grabstein für den Konventualen Hildebrand Brandenburg im Kartäuserkloster Buxheim für den angehenden Meister ein Bindeglied dar zu dem Biberacher Patriziergeschlecht der Brandenburg und zu seinem neuen Tätigkeitsbereich. Ein Relief des Marientodes, jetzt in einem Barockalter in der Kirche von Schussenried, stammt nachweisbar vom Altar der Brandenburg-Kapelle in der Biberacher Stadtpfarrkirche. Dort befindet sich noch ein als Spätwerk Zeynslers erkanntes Kruzifix. Auch die in Rottweil bewahrte "Biberacher Sippe" zierte einst einen alten Altar in der Hauptkirche der Reichsstadt, bis sie 1531 beim Bildersturm entfernt wurde und in Privatbesitz kam. Zum Oeuvre des Biberacher Meisters gehören nach der Übersicht von Gertrud Otto (1952/53) auch eine Heilige Sippe in Winterstettendorf, eine betende Maria mit Engeln (Berlin), eine sitzende Anna Selbdritt mit Engeln (Berlin), eine stehende Anna Selbdritt (Privatbesitz), ein Sebastian (Berlin), ein Verkündigungs-Altärchen (Berlin), ein Schweißtuch der Veronika (Privatbesitz), ein Martin mit dem Bettler (Biberach), ein Rochus (Stuttgart) und eine Reihe von Werkstattarbeiten. Die Werke des Michael Zeynsler verraten noch einige Bindungen an die Werkstätten in Memmingen und Jörg Lederers in Kaufbeuren. Was der Künstler beim Bildersturm in Biberach durchgestanden hat, kann kaum nachempfunden werden. Was er in den Jahrzehnten bis zu seinem Lebensende 1559 noch unternommen hat, entzieht sich bisher den Erkenntnissen.

Lit.: Weinberger, 1927. - Otto, 1952/53. Göbel, 1953.


| VERZEICHNIS | 14. + 15. JHDT. | 16. + 17. JHDT. |