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Die Rottweiler Fasnet

Höhepunkt im Rottweiler Jahr, aber auch für jeden Rottweiler das wichtigste Fest ist die Fasnet (Fastnacht). Damit hat sie soviel Gewicht, daß sie auch stadtgeschichtlich auf keinen Fall übersehen werden darf.

 

Aus der Geschichte der Rottweiler Fasnet

Rottweils Fasnet wird urkundlich im 15. Jahrhundert greifbar. Drei Hauptelemente fallen dabei in ihrem Rahmen auf - der Narrentanz, der im Narrensprung fortlebt, das Narren spiel, das man im "Aufsagen~' wiedererkennen kann, und das Lebkuchenholen in der benachbarten Reichsabtei Rottenmünster, das in alter Form noch vor 1800 unterging.

Immer wieder wurde versucht, die Fasnet abzuschaffen. Die reichsstädtische Rottweiler Obrigkeit erreichte dies bis 1802 nicht. Die württembergischen Behörden brachten es bis 1~28 immerhin fertig, den Schmot~igen Donnerstag als F~snetstag durch einen Markttag zu ersetzen. Seit etwa 1860 befand sich auch in Rottweil "Prinz Karnevall" auf unaufhaltsam scheinendem Vormarsch, ohne die althergebrachte Fasnet zum Erlöschen bringen zu können. Mit der Neugründung der Narrenzunft im Jahr 1903 erholte sie sich zu altem Glanz.

Waren es 1754 erst 119 Narren, so gibt es heute etwa 4000 Narrenkleider in Rottweil. Es kommt den Rottweilern und ihrer Narrenzunft aber nicht auf Rekordzahlen an oder darauf, sich nach außen zu produzieren oder wenigstens Landesmeister in Sachen Fasnet zu sein, sondern darauf, nach alter Tradition jedem zur Freude Fasnet vor allem für Rottweiler und ihre Freunde zu machen. Die Kommerzialisierung der Fasnet ist daher verpönt.

 

Der Verlauf der Rottweiler Fasnet

Die Fasnet beginnt in Rottweil am Dreikönigstag, dem 6. Januar. Die "Abstauber" ziehen an diesem Tag seit langem durch die Stadt und reinigen mit Besen und Bürsten Nar renkleider, Narrenglocken und alles Rundliche für die bevorstehende Fasnet vom Staub.

Nächster Termin ist der Schmotzige, der Donnerstag vor den Hauptfasnetstagen. Aus einfachen Anfängen zwischen den Weltkriegen haben sich die Schmotzigen-(~ruppen entwickelt, die abends durch die Rottweiler Wirtshäuser ziehen und bei meist bühnenreifen Auftritten das lokale Geschehen des vergangenen Jahres wirkungsvoll glossieren.

Am Fasnetssonntag übernimmt die Narrenzunft das Stadtregiment vom ~berbürgermei ster. Die neue Obrigkeit gibt mit einer Proklamation vor dem Rathaus ihre Ziele für die hohen Tage bekannt. In allen Gassen sind danach die Ausscheller unterwegs, um alle Rottweiler, sogar die "Stubahocker", auf die bevorstehenden bedeutsamen Ereignisse aufmerksam zu machen. Längst ist natürlich auch das "Rottweiler Narrenblättle" und seit einigen Jahren das "Verklepferblättle" erschienen. Am Nachmittag findet der Kin derumzug statt.

Am Montag- und Dienstagmorgen "punkt um 8 Uhr" leiten die großen Narrensprünge "Rottweils höchste Feierdäg~' ein. Hinter den Reitern mit der Reichsstadtstandarte, der Stadtkapelle in historischer Tracht und dem "Narrensamen" entströmt dem Schwarzen Tor die Fülle der Rottweiler Narren und zieht in über zweieinhalbstündigem Zug durch das F~ottweiler Straßenkreuz, bis sich der Narrensprung auf dem Friedrichsplatz auflöst.

Der Narrensprung, der am Dienstagnachmittag wiederholt wird, ist für den Rottweiler Narr nur der Auftakt zum Fasnetshöhepunkt. Mindestens ebenso wichtig sind ihm die anschließenden Stunden bis zum Betzeit-Läuten, in denen er auf den Straßen und Gassen der Stadt, in Bürgerhäusern oder in Wirtschaften mit und ohne Narrenbuch aufsagt, Freunde und Bekannte "schnupfen" läßt, mit den Schulkindern die Narrenverse vom "Narro kugelrund ..." oder "Narro, sieba Söh ..." singt oder, wenn er nicht "narrt", seine Heimatstadt unter den "Bürgersleut" möglichst mit einem Fez als Kopfbedeckung, einmal von ihrer angenehmsten Seite kennenlernt. Das gibt soviel Stoff zum Erzählen und Durst, daß auch abends die Wirtshäuser noch gefüllt sind, auch wenn das "Schlafrock-Narren" nicht mehr üblich ist.

Am Aschermittwoch klang die Fasnet früher mit den Reunionen in den Gasthäusern aus. Heute ist das Schneckenessen üblich. Freilich dauert für manche Rottweiler die Fasnet noch fort oder es geht für die meisten von ihnen schon wieder "dagega", und damit auf die nächste Fasnet zu.

 

Die verschiedenen Rottweiler Narren

Der Federahannes: Der Federahannes mit Sprungstange, gebleckten Zähnen und sei nem weiten Mantel ist eine der ältesten Gestalten der Rottweiler Fasnet. Mit den Schneeflocken symbolisierenden Federn auf dem Mantel könnte er den Winter dar stellen; er erinnert auch an Teufelsmasken der Alpenländer. Das Gschell: Mit seiner freundlichen Larve (Maske), im weißen, in Öl bunt bemalten Narrenkleid und mit seinen schweren Schellenriemen ist das Gschell die wichtigste Fi gur der Rottweiler Fasnet, d e r "Narr", wie es früher angesprochen wurde. Vielleicht verkörpert es den Sommer, auf ieden Fall ist es stark vom Barock geprägt. Das Biß: Dem Gschell ähnlich, aber wohl etwas jünger und mit nur einem Fuchs schwanz auf der Haube sowie gebleckten Zähnen ist das Biß auch mit dem Federa hannes verwandt und stellt möglicherweise den Winter dar. Der Schantle: "Obszöne Vermummer" wurden die Schantle einstens gescholten. In zwischen haben sich die rohen Gesellen meist in vornehm zurückhaltende, freundliche Herren mit Biedermeier-Schirmchen verwandelt. Eine Sonderstellung unter ihnen nimmt Franz Amma's Briekere ein, ein weinender Narr. Das Fransen~eid: Von Rottweiler Bortenmachern wurde das Fransenkleid wohl Ende des 18. Jahrhunderts unter dem Einfluß der Militärmode entwickelt. Vermutlich war es das Narrenkleid, das ursprünglich Rottweiler Mädchen und Frauen trugen, als sie anfingen, "aktiv" an der Fasnet teilzunehmen. Das Bennerrössle: Das Bennerrössle soll ursprünglich im abgegangenen Dorf Briel beheimatet gewesen sein. Es bahnte einst dem Rottweiler Narrenzug den Platz. Heute nehmen neun Rössle mit je zwei Treibern am Narrensprung teil. Das ~Rössle-Narren" sehen viele Rottweiler als Höhepunkt im Narrenleben. Der Guller: Eine Einzelfigur der Fasnet ist der Guller. Sicher steht er im Zusammenhang mit ihrem Fruchtbarkeitsbrauchtum. Seine heutige Larve wurde 1907 von German Burry geschnitzt. Ebenso ist sein Hahnenleib jünger. Der Lange Mann gehört zur Gruppe der sogen. "Umgangsriesen" und ist dabei, wenn an der Fasnet frühmorgens geweckt wird. Der Bettelnarr ist seit 1981 wieder zu sehen; er sammelte einst Almosen für Bedürftige.

 

Das Narrensprüngle von Otto Wolf

Eine volkskundliche Besonderheit des Narrenstüble im Rottweiler Stadtmuseum stellt das "Narrensprüngle" in Form eines Bühnenbildmodells dar. Es zeigt 167 große und kleine auf Pappe gemalte Narren sowie als Zuschauer beim Narrensprung gut 100 alteingesessene, meist schon verstorbene Rottweiler Bürger in Porträtfotos vor der Oberen Hauptstraße als Rahmen.

Das Narrensprüngle wurde von Tapeziermeister Otto Wolf, einem um das alte Rottweil hochverdienten Mann, der auch den Narrenmarsch texte, gefertigt und 1909 im Schaufenster seines Ladens in der Hochmaiengasse erstmals ausgestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg kaufte es das Rottweiler Museum auf, wo das Narrensprüngle bis 1980 regelmäßig zur Fasnet im Schaufenster ausgestellt war. Aus Konservierungs gründen wird es heute nur noch an seinem Stammplatz im "Narrenstüble" gezeigt und im Schaufenster durch ein Fasnetsbild im großen Format von Otto Wolf vertreten.

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