Wer in ein Narrenkleid schlüpft, legt seine bürgerliche Identität ab und ist nur noch Narr; das Narrenkleid hebt alle Standesunterschiede auf und macht den Verlarvten zum Herrn über den Unvermummten. Mit einem leichten Schlag der Narrenwurst auf die Schulter seines Opfers zieht der Narr den Nichtmaskierten in seinen Bann. In persiflierender Form werden diesem nun seine im Lauf des Jahres begangenen Streiche oder Verfehlungen vorgehalten, wobei der Narr sich gerne eines mehr oder minder kunstvoll gemalten Narrenbuches bedient. Die alte Regel, nur Leuten »aufzusagen«, die einem sympathisch sind, läßt dabei keine verletzende Schärfe aufkommen. Die gleiche Verhaltensweise wie der Rottweiler Narr beim Aufsagen zeigen die Tiroler Huttler beim sogenannten »Abmullen«. Zur Anrede anderer Personen benützt der Narr grundsätzlich das »Du«. Gelegentlich bleibt das Aufsagen die einzige Möglichkeit, politische oder private Themen anzusprechen, weil der soziale Status des Angesprochenen außerhalb der Fasnet keine persönlichen Kontakte erlaubt. Selbstverständlich bedient sich der Narr beim Aufsagen des Dialektes, da dieser kräftige Redewendungen erlaubt und die ungeschminkte Wahrheit oft plastischer darzustellen vermag als das Schriftdeutsche. Dem Unvermummten versüßt das »Schnupfen« einer Praline oder eines
Gutsles die eben erfahrene Wahrheit. Mit dieser versöhnlichen Geste schließt das Aufsagen ab. Das Rügerecht des Aufsagens war schon immer ein Überdruckventil der Volksseele und mag in der Reichsstadtzeit Grund zu manchem Fasnetsverbot gewesen sein. Die Fasnetsfor schung bezeichnet das Aufsagen als Psychohygiene; ein Begriff, der mit der sprichwörtlichen Redensart »den Kropf leeren« übersetzt werden kann.
Das Aufsagen erfolgte früher sicher frei und brachte wohl manche persönliche Beleidigung mit sich. Für diese Tatsache sprechen die in den Zeitungen des 19. Jahrhunderts immer wieder eingerückten Entschuldigungen nach der Fasnet. Die Benutzung eines Narrenbuches mit seinen vorgegebenen Narrenstückle läßt kein sonderlich spontanes Aufsagen zu und vermeidet damit mögliche Beleidigungen. Mit dem Versuch der Narrhalla, Rottweils Straßenfasnet wieder zu beleben, könnte auch das Narrenbuch gegen Ende des letzten Jahrhunderts in Gebrauch gekommen sein.