Index

Zur Straßenfasnet gehört das Auswerfen. Damit ist nicht jene Art von Auswerfen gemeint, wo ungezählte Brezeln, Berliner und Orangen zu den Fenstern der Bürgerhäuser hinauffliegen, ihr Ziel aber zumeist verfehlen und zerschellen. Die Rede ist vielmehr von dem Auswerfen auf der Straße, bei dem die Narren eine Schar Kinder vor sich hertreiben und diese die alten Narrenreime singen lassen, um sie dann durch das gezielte Zuwerfen einer Brezel, eines Bonbons oder einer Orange zu belohnen. Dieser vor etlichen Jahren noch vom Aussterben bedrohte Heischebrauch der Kinder erfuhr in jüngster Zeit eine Neubelebung durch junge Narren, die damit Rottweils Fasnet ein Stück Lebendigkeit und Vielfalt erhalten.

Für das Auswerfen an die Kinder gibt es aus dem 19. Jahrhundert nur die mündliche Überlieferung. Franz Karrais ( 1867-1951) berichtete aus seiner Kindheit, die Narren hätten Nüsse, Äpfel, gedörrte Zwetschgen und Birnen, sogenannte Hutzeln, und gelegentlich auch Wecken ausgeworfen. Da sich die größeren Kinder in wilder Gier auf diese Gaben stürzten, seien sie von den Kleineren gelegentlich mit einer Nadel ins Hinterteil gestochen und so von den ausgeworfenen Nahrungsmitteln abgelenkt worden. Die oft bittere Armut der kleinen Leute machte ihre Kinder erfinderisch und der Kampf ums Ausgeworfene wurde vom steten Hunger diktiert. Noch 1911 ist im jährlichen Kassenbericht der Narrenzunft Rottweil ein Betrag von 28 Mark für das Auswerfen von Brot und Nüssen vorgesehen. Erstaunlich ist, daß neben dem genannten nahrhaften Auswerfgut im späten 19. Jahrhundert bereits Orangen zum Auswerfen angeboten werden.

Ein alter Rottweiler Fasnetsreim, den man in keiner anderen Fasnetsstadt hört und der Rottweis Fasnet schier als Allheilmittel ausweist, lautet: »Narro kugelrund, d‘Stadtleut sind wieder älli g‘sund!« Ein anderer Reim ist reines Alemannisch und entsprechend weit verbreitet: »Narro siebe Sih, siebe Sih sind Narro g‘si.« Das »Sih« bedeutet im Schriftdeutschen »Söhne«, und »gsi« steht für gewesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand das »g‘si« aus dem Rottweiler Sprachgebrauch und wurde durch das neckarschwäbische »g‘wä« ersetzt. Am Nachmittag des Fasnetsdienstages hört man auch einen Spruch, der in unserer Landschaft weitverbreitet ist und in der Nachbarstadt Oberndorf zu einem längeren Fasnetsreim gehört: »0 jerum, o jerum, dia Fasnet hot a Loch!« Mit der Herkunft dieser Reime beschäftigte sich die jüngere Easnetsliteratur eingehend, die dazu gehörenden Melodien sind ein einfacher Singsang, wie ihn Kinder gerne zu Spott- und Spielversen benützen.

Index