Rottweil: Geschichte im Zeichen des Kreuzes

Winfried Hecht

 

Es ist kein Zufall: Das Wappen der Stadt Rottweil zeigt an zentraler Stelle ein Kreuz. Die einstige Reichsstadt bringt das Zeichen auf der Brust "ihres" schwarzen, rot bewehrten Adlers auf goldenem/gelbem Wappenschild, an dem einst die Städte des Reiches heraldisch zu erkennen waren. Um sie zu unterscheiden, wurden "Beizeichen" auf den jeweiligen Wappen verwendet. Das Passionskreuz des Rottweiler ,,Stadtadlers" ist somit alles andere als zufällig, sondern bewußt gewählt, um auf eine Eigenheit der wappenführenden Stadt aufmerksam zu machen, welche ihre Einwohner in ähnlicher Form bei anderen Reichsstädten nicht voraussetzten. Das Kreuz wird so neben seiner graphischen Funktion Bedeutungsträger eines religiösen Inhalts und zweifellos darüber hinaus auch ein Zeichen, in dessen Schutz Rottweils Bürger sich und ihre Stadt bewußt gestellt haben.

Daß das Kreuz ins Wappen der Stadt Rottweil fand, hat eine lange Vorgeschichte. Sie beginnt im Grunde mit der Christianisierung des Rottweiler Raumes am oberen Neckar im 7. Jahrhundert, zeitlich ungefähr gerade in der Mitte zwischen dem Untergang der Römerstadt Arae Flaviae und der Gründung des spätmittelalterlichen Rottweil. Damals fand das Bekenntnis der eben zum Christentum bekehrten alemannischen Neugläubigen seinen Ausdruck damit, daß sie ihren Toten nicht selten zur Bestattung in Blattgold getriebene Kreuze auf den Mund legten, als Schutz vor den Mächten der Finsternis und zugleich als gestaltetes Glaubensbekenntnis.

Die Stadtwerdung des reichsstädtischen Rottweil im späten zwölften und im 13. Jahrhundert stand im Zeichen der Kreuzzugsidee, welche die Gesellschaft im staufischen Reich, aber nicht weniger in ganz Europa prägte. Wie nachhaltig sie auch am oberen Neckar gewirkt hat, macht die Legende deutlich, kein Geringerer als Bernhard von Clairvaux habe den Kreuzzug in Rottweil gepredigt. Auch wenn dies eher unwahrscheinlich ist, die Hauptkirche der neuen Stadt wurde dem Kreuz des Erlösers geweiht, ihr Patrozinium jeweils am 14. September, dem Fest der Kreuzerhöhung, begangen. Allerdings mußte von den Rottweilern in einem über mehrere Generationen dauernden Kampf erst die Anerkennung von Heiligkreuz als Pfarrkirche gegenüber den zuständigen kirchlichen Stellen durchgesetzt werden. Aber auch dies beweist, wie wichtig ihnen Heiligkreuz gewesen ist.

Das Kreuz wurde für Rottweil und die damaligen Rottweiler aber nicht allein Zeichen einer politisch-religiösen Ideologie, die sie in ihrer Stadt konkretisiert sehen wollten, sondern überaus anschaulich und einleuchtend überschaubares Koordinatensystem für das Raster, auf dem die spätmittelalterliche Reichsstadt erbaut werden sollte. Sicher darf man solche Sachverhalte nicht mit Inhalt überfrachten. Andererseits ist es sicher zu wenig, im Hinblick auf Straßenkreuze und das Rottweiler Straßenkreuz zurecht oder nicht ausschließlich den Begriff "Zähringerstadt" zu assoziieren. Uberlegt man dagegen, daß die Stadt des Mittelalters als irdisches Spiegelbild des himmlischen Jerusalem verstanden oder daß Kirchenbauten als Symbole des gekreuzigten Heilands sehr anschaulich gesehen wurden, dann wird man das von 1200 an entstehende Rottweil eben als mehr sehen müssen als das Produkt einer ausschließlich am Funktionalen ausgerichteten Städtebaukunst. Dafür sprechen auch erstaunliche Einzelheiten im Stadtplan, wenn etwa die Standorte von Rathaus und Spital einander wohl eher bewußt zugeordnet sind.

Das spätmittelalterliche Rottweil1 das bis zum 15. Jahrhundert zur Reichsstadt aufgestiegen ist, stand aber nicht nur optisch im Zeichen des Kreuzes, sondern lebte auch recht weitgehend aus ihm. Die Hauptkirche der Stadt war nach dem Kreuz des Erlösers ja nicht nur benannt. Ihr Turm wies seit der Spätgotik wie ein Riesenfinger auf ein Kreuz an seiner Spitze, das in der heute verkleinerten Form immer noch 6 m Höhe und 3,5 m Breite mißt. 1491 wurde außerdem über dem Hauptportal des Gotteshauses an seiner Südseite das Relief einer Kreuzigung angebracht, auf deren Textband das Kreuz als "Via viis apta" angesprochen wird, als der "Königsweg" für alle Menschen.

Dann verfügte das prächtige Gotteshaus nach der Überzeugung der Zeitgenossen auch über Kreuzreliquien, Splitter vom Kreuzesstamm des Erlösers, die aus dem Heiligen Land oder dem Bereich der Ostkirche von Kreuzfahrern mitgebracht worden sein mögen und nun vor allem an den Feiertagen von Kreuzauffindung am 3. Mai und von Kreuzerhöhung den Gläubigen zur Verehrung dargeboten wurden. Diese Tage wurden früh Brennpunkte des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Geschehens, weil an ihnen die Bevölkerung aus dem weiten Umkreis nach Rottweil kam, um der Gnaden teilhaftig zu werden, die sie mit der Verehrung des Kreuzes verbunden glaubten. Derartige Festlichkeiten wirkten aber über den engeren religiösen und kirchlichen Bereich rasch hinaus. Der Heiligkreuz-Markt ist so zum frühesten und auf die Dauer wichtigsten Rottweiler Markt geworden, dessen Alter sich nicht einmal genau bestimmen läßt, weil er tatsächlich in die urkundenarme Frühzeit des spätmittelalterl ichen Rottweil zurückreicht. Ganz selbstverständlich wirkt vor diesem Hintergrund auch die Entwicklung, daß das alte Rottweil gleich mehrere Wirtshäuser kannte, die "zum Kreuz" benannt waren.

Am augenscheinlichsten erfahrbar gemacht und institutionalisiert wurde die Kreuzzugsidee im spätstaufischen Rottweil etwa ab 1247 in der zweifellos von den Stadtherren geförderten und bald durch die städtische Oberschicht und den Niederadel des Umlandes unterstützten Niederlassung des Johanniterordens. Seine Angehörigen sahen sich erklärtermaßen dem Dienst an Kranken und Pilgern und später ihrem bewaffneten Schutz verpflichtet. Pilger und Kranke waren im Sprachgebrauch der Ordensangehörigen ihre "Herren". Entsprechend verstanden sie das achteckige Kreuz als Zeichen ihres Ordens nicht nur als Hinweis auf dessen Internationalität, sondern auch als Hinweis auf die acht Seligpreisungen des Evangeliums, für welche sie die Werke wahrer Barmherzigkeit als Ausgangspunkte begriffen. Das Johanniterordenskreuz war dabei schlüssiges Zeichen für alle, die ihr Leben nach den entsprechenden Idealen gestalteten.

Im Zeichen des Kreuzes strebten Rottweiler Bürger seit spätestens 1314 den Rittern und Brüdern der Komturei Rottweil des Johanniterordens nach. In der Heiligkreuz-Bruderschaft fanden sie zusammen - der ältesten Bruderschaft ihrer Stadt, von der wir wissen, daß sie auch Laien offenstand. Ihre Angehörigen wollten gemeinschaftlich die Verehrung des Kreuzes Christi fördern und dies ebenfalls durch gute Werke vor allem im sozial-karitativen Bereich zum Ausdruck bringen. Ihre Gemeinschaft wurde so für die sozialen Energien der Rottweiler Bevölkerung zum beachtlichen Brennpunkt und entwickelte in der Reichsstadt schon dadurch bemerkenswertes politisches Gewicht, daß schließlich vier Dörfer am Südrand des Rottweiler Territoriums unmittelbar von der Heiligkreuz-Bruderschaft verwaltet wurden. Was sich auf solcher Grundlage von der Bruderschaft erwirtschaften ließ, wurde für bedürftige Schüler, für Nichtseßhafte und Bettler, für Kranke und Alte verwendet.

Die Bereitschaft, das Leben ins Zeichen des Kreuzes zu setzen, bestimmte Rottweil im Spätmittelalter aber nicht nur in seinem kirchlichen, sozialen oder städtebaulichen Erscheinungsbild. Im Zeichen der Mystik hat gerade Rottweil die Kreuzesbegeisterung auch verinnerlicht. Zeugnisse hierfür sind die erhaltenen Chorbogen-Kruzifixe, die in ihrer Anschaulichkeit, aber auch mit ihrer hohen Emotionalität ahnen lassen, zu welchen Empfindungen und religiösen Reaktionen sie die reichsstädtischen Rottweiler vor der Reformation führten. Dabei hat es wenig zu sagen, wenn zwei dieser Kreuzesdarstellungen mit dem leidenden, geschundenen Erlöser später in Kapellen verbracht wurden, wo sie noch in Scherers Kapelle oder in der Hochturmkapelle zu sehen sind, während die Chorbogenkreuze aus St. Pelagius und der Kapellenkirche wenigstens in ihren angestammten Kirchen verblieben. Erst spät im 19. Jahrhundert griff Rottweil bei der Regotisierung von Heiligkreuz die Tradition dieser großformatigen Kruzifixe wieder auf, als in Nürnberg für das heutige Münster ein entsprechendes Kreuz erworben wurde, das zeitweilig Veit Stoß zugeschrieben wurde, auf jeden Fall aber auf Grund seiner beachtlichen künstlerischen Qualität in Heiligkreuz über dem Hochaltar einen bevorzugten Platz gefunden hat.

Die mächtigen Kruzifixe in den Chorbogen der Rottweiler Kirchen waren freilich keine isolierten Zeugnisse. Bei den Rottweiler Dominikanerinnen wurde das "Geschossene Kruzifix" verehrt. In der Durchfahrt des Schwarzen Tores erinnerte ein für das 17. Jahrhundert belegtes Bild an die Kreuztragung des Erlösers, und auch auf der Hochbrücke war eine Kreuzigungsgruppe aufgestellt. Auf den Fluren vor Rottweil errichtete man schon vor der Reformation Feldkreuze, und an Plätzen, an denen es zu Verbrechen gekommen war, mußten von den Schuldigen steinerne Sühnekreuze aufgestellt werden.

Nach 1500 fand das Kreuz endgültig ins Wappen der Stadt - möglicherweise von zwei recht unterschiedlichen, aber doch auch wieder verwandten Richtungen her. Aus Rottweil selbst kam die Vorstellung, ein Passionskreuz ins Stadtwappen aufzunehmen und so auf die Hauptkirche der Stadt und die Bedeutung hinzuweisen, die man der Kreuzesverehrung beimaß. Damit deckt sich, daß Rottweiler Münzen seit dem 16. Jahrhundert häufiger mit dem Kreuz geschmückt wurden und die lateinische Beischrift erhielten "Sei gegrüßt, heiliges Kreuz, Du unsere einzige Hoffnung." Zumindest zeitweilig verwendeten die Rottweiler als Zeichen ihrer Stadt aber auch das Schweizer Kreuz mit vier gleichlangen Armen, welches die Eidgenossenschaft mit beachtlicher Eindeutigkeit als neuen christlichen Staat kennzeichnete. Wie stark das Kreuz damit politisches Zeichen wurde, ergibt sich daraus, daß die Rottweiler im Krieg bei der Besetzung von feindlichen Dörfern und Städten Kreuze an die Häuser malten und sie damit in Besitz nahmen.

Mit der Reformation und der Entscheidung für die katholische Konfession endeten die "Glanzzeiten" der Kreuzesbegeisterung in Rottweil keineswegs - im Gegenteil. Wie schon vor der Reformation wurde bei den Dominikanern auch weiter während der Fastenzeit "die Passion" gepredigt, von einer Kanzel aus, deren Schalldeckel im Anklang an ein Wort des Apostels Paulus den Gekreuzigten trug. 1653 richteten die Kapuziner auf dem heutigen Sonnengelände an der Neutor-Straße ein Kreuz auf und brachten so zum Ausdruck, daß sie hier ein Kloster aufbauen wollten, das bis zum Ende der Reichsstadt segensreich wirkte. Ein paar Jahre später malte Christoph Kraft für den Chor von Heiligkreuz einen neuen Hochaltar mit gewaltigen Abmessungen, welcher das Kreuz und den Kreuzestod Christi zeigen und mit erklärenden Begleitbildern in seine vielfältigen theologischen Bezüge stellen sollte. Der Kreuzestod Christi und die vorausgehenden Szenen der Passion des Herrn wurden während der folgenden Jahrzehnte auf großflächigen Fastentüchern veranschaulicht, die es nachweislich in Heiligkreuz ebenso gegeben hat wie in der Kapellenkirche oder im Kirchlein von Bühlingen. Die Beschäftigung mit Christi Leiden, und damit an zentraler Stelle dem Kreuz, standen auch hinter dem doch recht aufwendigen Ausbau der Ruhe Christi-Kirche vor den Toren der Reichsstadt zum Wallfahrtsheiligtum. Seit 1739 bemühten sich die Reichsstädter ferner so nachhaltig um die Wiederbelebung ihrer Heiligkreuz Bruderschaft, daß sich selbst das Ordinariat der zuständigen Diözese Konstanz veranlaßt sah, den Eifer der Rottweiler zu zügeln. Nicht verhindert hat dies freilich, daß für den großen Rottweiler Kreuzpartikel bei Meister Franz Mayer aus der Reichsstadt ein neues Ostensorium in Auftrag gegeben wurde; es zeigt den Reichsstadtadler am Fuß des liturgischen Geräts in demütiger Stellung unterhalb der zentralen Zone des Ostensoriums mit der Kreuzesreliquie.

Um diese Zeit hatte das Kreuz den privaten Rottweiler Bereich längst vollends durchdrungen. Es gab keine Bürgerstube, in welcher es nicht den Hergottswinkel geziert hätte. An Wallfahrtsorten gesegnete Amulette mit dem Ulrichskreuz, dem Benediktus-Kreuz oder dem Caravaca-Kreuz wurden den "Bauopfern" beigefügt, welche Neubauten an deren First vor schädlichen Einflüssen schützen sollten. Am Rosenkranz, wie ihn eigentlich jeder Rottweiler besaß und vielfach bei sich trug, war selbstverständlich ein kleines Kreuz angebracht. Man bekreuzigte sich beim Morgen- und Abendgebet, beim Tischgebet und nicht weniger bei besonderen Anlässen, vor allem, wenn man sich in den Schutz des Kreuzes stellen wollte. Auch jeden neuen Laib Brot bezeichnete die Hausfrau mit dem dreifachen Kreuzeszeichen. Mit Vorliebe wurden aus dem ,,Rottweiler Gesangbuch" Lieder gesungen, die Christi Kreuz und seiner Verehrung galten. Selbst an den Giebeln von Privathäusern entstanden nun Malereien mit Christus am Kreuz, seiner Mutter und seinem Lieblingsjünger Johannes.

Auch vor Rottweil hat die Entleerung des Wertgehaltes von Symbolen und Zeichen wie dem Kreuz seit dem 19. Jahrhundert nicht haltgemacht. Vielleicht verlief sie zeitlich geringfügig nach rückwärts versetzt und nicht so konsequent wie manchmal anderwärts. Immerhin gab es in Rottweil Bestrebungen wie im katholischen Bereich die erneute Belebung der traditionsreichen Heiligkreuz Bruderschaft seit etwa 1850. Auch ersetzte in der evangelischen Predigerkirche ein schlichteres Standkreuz an zentraler Stelle des Hauptaltars die Statue der barock gekleideten Muttergottes von der Augenwende.

Allerdings kam es auch im bieder-bürgerlichen Rottweil soweit, daß das Schwarze Tor als Wahrzeichen der Stadt 1935 mit einem überdimensionalen Hakenkreuz bekrönt wurde, der inhaltlich zur Perversion weiterentwickelten Form des Kreuzes. Und nach 1945 dachte auch in Rottweil die breite Öffentlichkeit beim Wort "Kreuz" spontan eher an "Kreuzung" oder "Straßenkreuz" als an die zentralen Inhalte der christlichen Botschaft. Da sie trotzdem ihre Gültigkeit nicht verloren haben, könnte das Kreuz des Rottweiler Wappenadlers heute als Aufforderung verstanden werden, sie im Sinn eines weltoffenen christlichen Humanismus nicht aus den Augen zu verlieren. Im kirchlich religiösen Bereich ist dabei mit dem Patrozinium "Auferstehung Christi" der jüngsten Rottweiler Kirche eine Perspektive vom Kreuz her aufgezeigt.



via crucis