Den bedeutendsten Figurenzyklus der Gotik in Schwaben bilden die Figuren des Rottweiler Kapellenturms. Sie wurden in ihrer Mehrzahl zwischen 1891 und 1907 von ihrem ursprünglichen Standort abgenommen und in die Lorenzkapelle verbracht. Es handelt sich vor allem um die Propheten von der Südseite des Turmes mit einer Marienstatue und um die Apostel von der Turmwestseite mit ihrem auferstehenden Meister. Stilistisch sind die Propheten dem Propheten- oder Marienmeister zuzuordnen, die Apostel mit dem
auferstehenden Christus dem etwas später in Rottweil arbeitenden Apostel-Meister. Beide Teilzyklen stehen unter starkem Einfluß von Straßburg, aber auch von Freiburg oder dem Breisacher Stephansmünster, wobei die Grafen von Hohenberg wohl die künstlerischen Beziehungen vermittelten. Den Turmbau und die Fertigung seiner Steinbildwerke hat weitgehend Burkhard Weisherr finanziert. An Meisternamen ist lediglich der des Heinrich von Basel für 1342 überliefert. Er stimmt zum Buchstaben H, der sich auf der Rückseite vieler Figuren eingemeißelt findet. Zum ältesten Bestand des Kapellenturms zählen neben dem Braut- und dem Buch-Relief die Tympana über den Portalen der Süd-, West- und Nordseite mit einer Geburt Christi, mit Mariä Verkündigung und einer Anbetung der Könige sowie einem Jüngsten Gericht. Gestaltet sind die Steinbildwerke vom Rottweiler Kapellenturm in der Kunstsammlung Lorenzkapelle in einem eher traditionsorientierten Stil, welcher zeitlich der Parler-Kunst vorausgeht. Unabhängig davon, ob man von einem eigenen »Rottweiler Stil« sprechen will, ist er gekennzeichnet durch die Unterordnung der Plastik gegenüber der Architektur und eine asketische, fast körperablehnende Tendenz, die von der Mystik her verständlich wird. Seine Anregungen erhielt dieser Stil von Frankreich über die Bauhütten von Straßburg und Freiburg. Eigenständig formuliert hat er sie weitergegeben nach Augsburg und Esslingen, nach Bayern, Franken, Südtirol und Mähren. In Rottweil klang er um 1370 mit drei gleichfalls ausgestellten Plastiken vom Rottweiler Spital aus. Ihre überragende Bedeutung besaß die Kunst des
Rottweiler Kapellenturms im 14. Jahrhundert aber nicht nur innerhalb der gotischen Monumentalplastik Schwabens, sondern auch für die Porträtkunst in Stein, wie der um 1340 entstandene »Prophet mit dem Schriftband« zeigt.