20. JAHRHUNDERT

Der Übergang vom 19. zum 20.Jahrhundert ist fließend. Seit bei der Bestattung die Sargbenutzung zwingend vorgeschrieben war, verlagerte sich die Sargherstellung zunehmend vom ortsansässigen Schreiner zum Industriebetrieb, der die Särge als Katalogware feil bot. Neobarocke und -klassizistische Formen wurden zwischen 1870 und 1930 produziert; verhältnismäßig hoch war dabei der Anteil an Metallsärgen, die heute aus ökologischen Gründen in Deutschland nicht mehr erlaubt sind.

Gerade an den Metallsärgen wird das weiterhin deutliche soziale Gefälle spürbar, nur wenige konnten sie sich leisten. Aber auch weniger Begüterte versuchten durch entsprechende Beschläge, bis in die vierziger Jahre hinein aus gepreßter gold- oder silberfarbener Pappe, den prunkenden, nicht erschwinglichen Vorbildern nachzueifern. Eine Variante der mit Beschlägen verzierten Särge sind die tapezierten Särge. Mit geprägtem Papier versuchte man, der Oberfläche einen edlen Glanz zu verleihen.

Seit den fünfziger Jahren herrschen, bis heute nahezu ungebrochen, pseudobarocke Sargformen in der Tradition des "Gelsenkirchener Barocks" vor. Gelegentlich wird diese Konvention durch kaum weniger schwülstige Truhensärge, vornehmlich aus italienischer Fertigung, oder Kuppelsärge ergänzt. Entsprechende Beispiele werden in der Ausstellung nicht gezeigt, sind aber bei jeder Beerdigung zu sehen.
Hier offenbart sich ein großes Dilemma. Obwohl die Bestatter darüber klagen, daß zeitgemäßere Formen kaum verkäuflich sind, empfinden die Hinterbliebenen die Särge als so geschmacklos, daß sie sie in aller Regel unter einem Meer von Blumen verstecken.

Die Mühe, die frühere Kulturen und Generationen auf die Gestaltung der Särge und die Auswahl ihrer Dekorationen verwendeten, erstreckt sich heute fast ausschließlich auf die Wahl edler, massiver Hölzer. Erst allmählich weichen die gelackten Oberflächen unter ökologischen Gesichtspunkten naturbelassenen oder gewachsten Hölzern, die Formen selbst bleiben unverändert.