VOM MITTELALTER ZUR NEUZEIT

Im Vergleich mit dem Altertum ist über die Särge im Mittelalter nur wenig bekannt. Das liegt auch daran, daß zwischen dem Ende der Spätantike und dem 17. Jahrhundert die Bestattung meist ohne Sarg erfolgte. Nur in Tücher eingewickelt wurde der Leichnam im Grab beigesetzt. Klerus und Adel genossen das Privileg der Kirchenbestattung, teilweise unter Wiederverwendung antiker Särge.

Allerdings war auch im Mittelalter die Benutzung von Särgen nicht unbekannt. Einige Beispiele aus Norddeutschland zeigen uns eine schlichte Kistenform mit rechteckigem Querschnitt. Bei der Betrachtung der weiteren Entwicklung des Sarges sind wir auf bildliche Wiedergaben angewiesen, beispielsweise in Totentanzdarstellungen oder Stundenbüchern. Letztere bilden in der Miniatur, die dem Totenoffizium gewidmet ist, auch Särge ab, zu unserem Leidwesen jedoch meist unter den gebräuchlichen Bahrtüchern verborgen. Das läßt uns vermuten, daß die Särge selbst schlicht waren und der Schmuck sich auf das Tuch konzentrierte. Die Gedächtnistumba in der Ausstellung besitzt ein solches aufgemaltes Bahrtuch.

Doch unter den Tüchern zeichnet sich die formale Entwicklung des Sarges ab, die von einem rechteckigen Querschnitt zunächst zu einer dachartigen Form mit fünfeckigen Querschnitt führt und dann mit einem abgeflachten Deckel und sechsseitigem Querschnitt endet. Aus der letzten Form, seit dem 17. Jahrhundert geläufig, entwickelte sich die Grundgestalt des Sarges, die bis heute gültig ist.

Die Benutzung von Särgen stand im Mittelalter durchaus unter ökonomischen und ökologischen Zwängen. Kaum jemand konnte sich einen Sarg leisten, weshalb zur Bestattung neben dem Totenbett auch ein sogenannter Konduktsarg diente, der lediglich der Überführung des Leichnams vom Sterbeort zur Grabstelle diente und immer wieder verwendet wurde. Das berühmt-berüchtigte Edikt Kaiser Josephs II. verordnete diese 'Gemeindeeigene Mehrfachtotentruhe' für alle und begründete dies auch mit der Holzverschwendung bei der Bestattung. Der Sarg für jeden ist erst eine Errungenschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts und wurde aus hygienischen Gründen eingeführt.

Klerus und Adel pflegten dagegen eine reiche bis aufwendige Sargkultur. In den Kaisergrablegen der Habsburger und der Hohenzollern verkörpern die Sarkophage regelrechte politische Programme. Abgestuft nach Rang und Vermögen bediente man sich aber auch bis zum niederen Adel verzierter Särge, teils aus Metall, teils aus Holz, vielfach mit Innen- und Übersärgen. Diese Särge fanden in den Grüften Aufstellung. Der Schmuck der Särge bezog sich auf die Toten selbst und ihre biblisch begründete Jenseitshoffnung. Vergänglichkeitssymbole wie Stundenglas oder verlöschende Kerze auf den Särgen bildeten für die Lebenden die Mahnung, der eigenen Endlichkeit zu gedenken.