Süd Sumatra - Die Schiffstücher


TAMPAN-Schiffstuch

aus Baumwollgewebe in den Farben rotbraun, dunkelblau, dunkel und hellgelb. Diese Tücher wurden bis in die 20er Jahre dieses Jahrhunderts in Kröe und Umgebung (Süd-Sumatra) hergestellt. Noch heutzutage spielen sie bei allen Übergangszeremonien - wie Namensgebung, Beschneidung, Heirat und Begräbnis - eine Rolle. Foto M Obermaier 1989

Es seien hier zwei sogenannte Schiffstücher vorgestellt, die ihr Hauptmotiv von einem Schiff in unterschiedlicher Stilisierung beziehen. Das Schiff und seine Symbolik spielen, wie wir bisher gesehen haben, in den diversen Kulturen der Inseln Indonesiens eine besondere Rolle. Häuser und Särge werden oft als Schiffe dargestellt, Schiffsmotive dominieren bei Begräbnissen und als Grabzeichen (1).
Solche Schiffstücher wurden bis in die 20er Jahre dieses Jahrhunderts in Kroë und Umgebung (Süd-Sumatra) hergestellt. Gemeinsame technische Merkmale sind das Grundgewebe aus Baumwollfäden und die Farben Rot, Blau und Gelb, hell und dunkel (2). Als zentrales Motiv erscheint immer ein Schiff mit hochaufragendem Steven, der manchmal ganz eindeutig als Nashorn-Vogel dargestellt wird. Manchmal gibt es ein Kajütenfenster, aus dem eine oder mehrere menschliche Figuren blicken. Ein Steuerruder oder Figuren von Tieren (Pferde, Hirsche) gehören vielfach zur Darstellung.
Nach ihrem Maß werden drei Arten von Schiffstüchern unterschieden, von denen zwei in der Ausstellung zu sehen sind. Die palepai-Tücher, deren Benutzung dem Adel vorbehalten war, sind groß (die Webbreite betragt ca. 60 cm, die Länge erreicht bis zu 450 cm). Sie wurden bei Übergangsriten - wie Heirat oder Begräbnis - und Ratsversammlungen an der rechten Seite eines Hauses hinter der Hauptperson des Geschehens aufgehängt (3). Die tampan-Schiffstücher sind fast quadratische Gewebe, deren Länge bzw. Breite zwischen 50 und 100 cm variiert. Sie wurden von allen Gesellschaftsschichten verwandt und spielten bei Zeremonien eine bedeutsame Rolle: Bei der Namensgebung oder der Beschneidungszeremonie eines Kindes wurden sie ausgestellt, bei der Heirat war das Tuch Sitz der Braut, und außerdem tauschten die Mitglieder beider Familien Zeremonialspeisen und tampan-Tücher. Bei der Totenmahlzeit dienten diese Tücher zum Abdecken von Speisen; beim Waschen der Leiche wurden sie als Kopfunterlage benutzt, die Traggriffe der Totenbahre wurden mit den Tüchern umhüllt. Heutzutage werden sie vor allem bei Begräbnissen ausgestellt (4).
Die Deutung, es handle sich bei den Darstellungen um Seelen- oder Totenschiffe (5), wurde vielfach kritisiert: Es handle sich nicht nur um Totenschiffe; die Symbolik der Tücher sei weitreichender als nur eine Verknüpfung mit dem Tod. Die Benutzung der Schiffstücher während der Übergangsriten, d. h. während jener Schwellen, in denen ein Mensch seinen Status und seine Position innerhalb der Gesellschafft ändert, zeigt ihre dominante Bedeutung im rituellen Bereich an (6).

Anmerkungen

1) Zu Vorstellungen über das Schiff in Indonesien s. Vroklage 1936. Die Thematik der Schiffstücher wurde u. a. von Barbier 1977, Khan Majlis 1984 und van Dijk und de Jonge 1980 behandelt, s. insbesonders Gittinger 1976.
2) Aus Glasperlen angefertigte Schiffstücher sind selten, vgl. Abbildung in Steinmann 1965. Ein schönes Exemplar dieser Glasperlen-Tücher besitzt das Tropenmuseum, Amsterdam.
3) Gittinger 1976: 217f. Das palepai-Schiffstuch der Ausstellung zeigt ein großes Schiff mit je vier mäanderartig verlaufenden Bug- und Heckvorsätzen sowie stark stilisierte Menschenfiguren in den Farben Rotbraun, Dunkelblau und Gelb (60 x 280 cm). Das Tuch ist in Agthe 1979: 256 abgebildet. Die Autorin (ebda.: 255-273) bezieht sich ebenfalls auf die Geschichte und Entwicklung der Provinz Lampung in Süd-Sumatra, wo die Tücher angefertigt wurden.
4) Gittinger 1976: 211-217
5) Z.B. Steinmann l965. Ein Beispiel, das Steinmann anführt (1965: 2395), zeigt m.E. jedoch klar die Vorstellung einer "verkehrten Welt": In einigen Tüchern wird dem Schiff ein zweites, spiegelbildlich dargestelltes Fahrzeug entgegengesetzt. Steinmann verknüpft diese Darstellung mit der in Indonesien verbreiteten Aussicht, daß im Jenseits alle irdischen Dinge umgekehrt sind, d. h. daß sie auf dem Kopf stehend erscheinen.
6) Gittinger 1976: 219.
Tod im Kulturvergleich