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Die Vorstellung vom Tode im Alten Mexiko

Tod und Leben treten im alten Mexiko wie vielleicht in keiner anderen Kultur als eine an sich allgegenwärtige und unteilbare Wirklichkeit zutage, wie zwei Erscheinungsformen ein und desselben Antlitzes. Wer die Keramik und die Bilderhandschriften oder "Codices" aus prähispanischer Zeit betrachtet, wird allenthalben auf bildliche oder plastische Zeugnisse hiervon stoßen. Häufig findet man aus Ton modellierte Gesichter, die auf der einen Hälfte ein Bild des Lebens sind, wobei die andere jedoch nur einen nackten Schädel zeigt. Auch in den aus der Baumrinde des amate (einer FicusArt) gemachten, leporelloartig gefalteten Büchern begegnet man häufig dem Leben und dem Tod. Dort finden wir etwa die Darstellungen von Göttern wie Quetzalcóatl,"Schlange von kostbarem Gefieder", der die Gebeine der Menschen früherer Zeitalter zurückgewann, um die Welt erneut zu bevölkern und der auch unter dem Namen Ehécal,"Wind" oder Lebensodem bekannt ist, Rücken an Rücken mit Mictlantecuhtli,"dem Herrn des Totenreiches" (Codex Vaticanus B 1972, 7576 und Codex Borgia 1980, 56).

Auch in den in vorspanischer Tradition, jedoch bereits mit lateinischem Alphabet, ab dem 16. Jahrhundert in Nahuatl(d.h. mexikanisch oder aztekisch), in yukatekischem Maya, Quinche oder anderen Sprachen niedergeschriebenen Texten ist sehr häufig von der allgegenwärtigen doppelten Realität von Leben und Tod die Rede. Die alten Mythen, Hymnen und sonstigen Darstellungen zufolge mußten die Götter sterben, um dem Menschen das Leben zu schenken, und als Ausgleich und Entgelt hierfür wird das Leben der Götter mit dem Opfertod der Menschen gestärkt und erneuert.