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Um dorthin zu kommen, mußten verschiedene Proben bestanden werden, bei denen wenigstens der kleine Begleithund hilfreich sein sollte. So etwa mußte der Ort durchquert werden, "wo zwei Berge zusammenstoßen"; dann mußte der Weg beschritten werden, "den die Schlange bewacht"; weiter ging es zum Ort, "wo sich die grün-blaue Echse befindet"; danach mußten "acht Ebenen und acht Hügel" überquert werden, sowie der "Ort des Obsidianwindes" und die "neun Seen", bis man schließlich vor den Herrn des Totenreiches gelangte. Diesem händigte der bis dahin entfleischte macehualliall das aus, "was auf Erden sein Schmuck und sein Schicksal gewesen war..."

Codex Florentinus, 1979, Buch III, Anhang, Kapitel I

Man kann sich hier nach dem Sinn der verschiedenen Schicksale nach dem Tode fragen. Selbst wenn man davon ausgeht, daß die unterschiedlichen Todesarten mit dem endgültigen Geschick im Jenseits zu tun haben, so gibt es in diesen Glaubensvorstellungen doch auch einen Begriff, der auf eine Vereinheitlichung hinzuweisen scheint. Es ist bekannt, daß man sich im religiösen Denken der vorspanischen Zeit die Götter nicht nur paarweise vorgestellt hat, wie den ,,Herrn und die Herrin der Erde", sondern daß sie vom Wesen her auch auf ein oberstes Prinzip der Dualität bezogen wurden, OmetecuhtliundOmecihuatl,"Herr und Herrin der Zweiheit".

Aus diesem obersten Gott der Dualität gingen - wie die alten Texte versichern - sämtliche tonalli,"Schicksale", und to-macehual, "unsere Verdienste" hervor. Doch so, wie unser oberster Gott der Zweiheit, unsere Mutter und unser Vater", Ursprung aller Dinge ist, ist er auch das Ende und Ziel, zu denen das Leben und alles Bestehende heimkehren. So bedeutete für die große Mehrheit der Menschen der Tod nicht eine Strafe, sondern die Heimkehr zu dem Gott der Dualität in der Gestalt als "Herr und Herrin des Totenreiches" (Mictlanteuctliund Mictlanctihuatl).