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Gedanken über den Tod in der Dichtung der Weisen

Unter den von tiefem Gefühl geprägten Vorstellungen, die am häufigsten in den Gesängen der vorspanischen Tradition zutagetreten, stoßen wir vor allen Dingen immer wieder auf die Feststellung, daß alles auf Erden vergänglich sei und unausweichlich im Tod sein Ende finde. Diese zuweilen von bekannten Persönlichkeiten, wie etwa dem berühmten Herrscher Nezahualcoyotl(1402-1472), verfaßten Gedichte und Gesänge wurden bei verschiedenen Festlichkeiten vorgetragen, und kamen so auch dem Volke zu Ohren. Auf diesem anderen Weg wurden also Reflexionen über den Tod an die macehualtin herangetragen:

Es stimmt sehr wohl: führwahr wir gehen,
wir gehen fürwahr;
Blumen und Gesänge lassen wir auf Erden zurück.
Fürwahr wir gehen!

Cantares mexicanos, 1904, 61 v.

Mit der ein ums anderemal wiederholten Feststellung, daß niemand für ewig auf Erden leben wird, werden in diesen Gesängen auch häufig Fragen nach dem Schicksal des Menschen im Jenseits aufgeworfen. Was bedeutet es wirklich, in das Mictlan,das Totenreich, zu kommen? Gibt es dort eine andere Form des Lebens?

Dort, wohin wir gehen
Werden wir dort tot sein oder von neuem leben?
Wird es dort wieder Leben geben?
Wird uns der Lebenspender
von neuem Freude schenken?

Cantares mexicanos, fol. 6 v. 1