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die vorspanischen Totenvorstellungen in den christlichen Glauben herübergerettet werden. Beinahe unmerklich bildete sich eine neue Kultur heraus, christlich in ihren Überzeugungen, aber geprägt von vorspanischem Gedankengut.

Rückbesinnung

Die Volkskultur wurde von der Oberschicht Neu-Mexikos verachtet und nicht zur Kenntnis genommen. Daran änderte sich auch nach der Unabhängigkeit zunächst nichts. Erst zum Ende des 19. Jahrhunderts erwachte das Interesse an der eigenständigen mexikanischen Entwicklung. Hervorragendster Vertreter ist Posada, Künstler und Zeitungslithograph am Ende des 19. Jahrhunderts. Es ist wohl bezeichnend, daß er seine ersten wichtigen Schritte nicht in Mexiko City, sondern in Leon, macht: losgelöst von der herrschenden Auslandsgläubigkeit der Hauptstadt und durch die Zeitungsarbeit eng mit dem "Tagesgeschehen" und den Wünschen der Leser verbunden. Ihm verdanken wir die Calaveras, humoristische Darstellungen seiner Zeit in Form von Gerippen. Er griff diese Form in bewußter Anlehnung an die vorspanische Kultur auf; das beste Beispiel hierfür ist seine "Catrina", eine typische Mittelstandsdame der Jahrhundertwende, die als Halsschmuck die Federschlange der Azteken trägt. Diese Rückbesinnung auf eine eigene, besonders von den USA abgehobene Kultur bestimmte die mexikanische Revolution und das nationale Selbstbewußtsein. Zahlreiche Künstler haben Posadas Werk aufgegriffen und fortgeführt; das Verhältnis zu den Toten wurde gleichsam zum Ausdruck nationaler Identität.