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Unsere Gastgeber begründen die Gaben auf der Ofrenda mit dem Hunger und Durst der Toten, die zu Besuch kommen. Die "wissenschaftliche" Interpretation sieht in ihnen gleichzeitig die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft, die auf keiner Ofrenda fehlen dürfen. Die Luft wird durch den Weihrauch, Feuer durch die Kerzen, Erde durch Blumen und Wasser durch Wasser symbolisiert.

Das Wort "Ofrenda" ist schwer zu übersetzen. Oft wird es als "Altar" oder "Opfer" interpretiert. Uns scheint diese Übersetzung falsch: sie klingt zu stark nach religiöser Zeremonie. In Wirklichkeit ist es eine Mischung aus Religion und ganz weltlichem Fest: Die Toten kommen, man bittet für sie bei Gott. Gleichzeitig wird gefeiert, als wenn ein lebender Verwandter käme. Das Wort "Einladung" trifft den Sachstand am besten.
Gegen die Interpretation als "Opfer" spricht auch, daß die Ofrenda im Wohnbereich der Familie stattfindet, mitten im Leben des Alltags. Der Tote will sein Haus, seine Familie wiedersehen, nicht eine kultische Handlung erleben. Und das Leben spielt sich rund um die Ofrenda weiterhin ab; es wird im gleichen Raum gegessen, geschlafen, gelebt. Die Ofrenda ist teuer und belastet die Familie. Für Tote des letzten Jahres wird ein besonderer Aufwand getrieben. In Ocotepec findet während der Woche, die dem Fest vorausgeht, täglich ein Rosenkranzgebet im Haus statt, zu dem Freunde kommen, Kerzen bringen und bewirtet werden müssen. Diese Kerzen werden später auf der Ofrenda verwandt; allein schon deshalb haben "neue" Tote prachtvollere Einladungen.
Man besucht sich während des Festes; die Gäste müssen bewirtet werden. Der Tote muß neu eingekleidet werden. Die Ofrenda wird zum Anlaß für Haushaltseinkäufe. Auch wenn all die Teller, Tassen, Kleidungsstücke so gekauft werden, daß sie später weiterverwendet werden können, der Geldbeutel der Familie