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Das Entsetzen der spanischen Eroberer ist verständlich. Man kann Diaz nicht einmal vorwerfen, übertrieben zu haben: etwa so muß es für die Spanier ausgesehen haben. Nur beim Verzehr des Menschenfleisches geht er zu weit; wir wissen ganz einfach nicht, was mit den Leichen der Geopferten geschah! Es ist möglich, aber nicht gesichert, daß gelegentlich Leichenteile auch kultisch gegessen wurden; Teil der Volksnahrung aber, wie es uns die frühen Quellen weismachen wollen, waren sie gewiß nicht. Hier bot sich für die Spanier eine wunderbare Chance, ihren Eroberungsfeldzug zu begründen, als Akt der Menschlichkeit darzustellen.
Der Rest der Beschreibung ist jedoch korrekt - für einen, der die Hintergründe nicht kannte. Es stimmt, daß die Haut der Geopferten von den Priestern übergezogen wurde, jedoch nicht aus Grausamkeit, sondern um "in die Haut des Geopferten zu schlüpfen" und damit der Sonne nahe zu sein. Es stimmt, daß den Opfern bei lebendigem Leibe das Herz herausgerissen wurde; aber dies war eher eine Ehre als eine Unmenschlichkeit, war für die Azteken die Vereinigung mit der Gottheit. Wie immer, wenn zwei ganz unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen, werden die gegenseitigen Konzepte mißverstanden; und wie immer bleibt die "Grausamkeit" an den Unterlegenen haften. Auch die Spanier haben sich nicht gerade "menschlich" benommen, legen wir unsere Kriterien an. Das Foltern und Schinden aus rechtlichen und religiösen Gründen war gang und gäbe, man hatte auch während des Feldzugs keine Schwierigkeiten, wenn die eigenen Verbündeten (die Geschichten von der Handvoll Spanier sind eine Propagandalegende: allein Tlaxcala stellte mehr als 40000 Mann!) das Fleisch Gefallener aßen; die Spanier selber versorgten ihre Wunden "mit dem Fett eines gefallenen Indios, weil wir kein Öl mehr hatten" (Cortez). Es gab eine Menge Gründe, die Spanier Teules = Teufel zu nennen, wie es die Azteken taten!