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Wir sollten diese Formen nicht als Merkmale eines Untergangs des "AIten Totenkultes" interpretieren. Gerade hier zeigt sich, wie tief er in Mexiko verwurzelt ist. Nehmen wir die Großstädte: getrennt von dem Land und ihren Großfamilien baut nur noch ein Teil ihrer Bewohner eine Ofrenda. Viele aber fahren in die umliegenden Dörfer, um dort das Fest mitzuerleben. In zahllosen Galerien und auf öffentlichen Plätzen werden Ofrendas bereitet, teils als spielerischer Wettbewerb, teils in Auseinandersetzung mit ernsten Themen. Die Toten werden einbezogen; entweder in das Fest der Lebenden oder als Zeugen für deren Forderungen.
Das Totenfest in Mexiko City 1985 war von dem großen Erdbeben im September geprägt. Durch das Beben, aber vor allem durch Baumangel waren viele zehntausend Menschen ums Leben gekommen. Für sie wurden viele dieser, sagen wir einmal politischen, Ofrendas aufgebaut; als Zeichen der Trauer, aber zugleich auch als Mittel der Solidarisierung zwischen den Lebenden und den Toten. Diese Ofrendas waren nicht "privat", sondern fanden auf den großen Plätzen statt. Vor dem Zentralkrankenhaus, das weitgehend zerstört war, wurde der Totentag von großen Menschenmengen unter Mitwirkung von Kirche, Verwaltung und Politik begangen - als ein Gedenken für die Toten, mehr noch als Abrechnung mit den Schuldigen. Auf einem anderen Platz wurde ein Blumen- und Kerzenkreuz ausgelegt, zu dem jeder Passant eine Blüte oder Kerze beisteuerte; langsam entstand so eine Ofrenda, die Zeichen der Trauer und Solidarität war.
Andere öffentliche Ofrendas greifen politische Forderungen auf. Die Notwendigkeit des Schulunterrichts in den Lokalsprachen; die Sorgen der Bauern; die Identität der Indianer - sie alle sind Themen, für die die Toten als Helfer aufgerufen werden. Die Toten sind nicht nur Opfer; sondern zugleich Zeugen der Forderungen der Lebenden und Verbündete im Kampf um gerechte Lösungen.