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Und auch die Verabschiedung der Toten ist eng mit der Kirche verknüpft: in Ocotepec findet die Verabschiedung der Toten bei Tage am 2. November statt; sie wird mit einem Gottesdienst auf dem Friedhof und der Segnung der Gräber eingeleitet.
Der Bischof legte 1985 in seiner Predigt den Schwerpunkt auf die Verantwortlichkeit des Menschen: die Erdbebentoten sind nicht gestorben, weil Gott es so wollte, sondern weil die Menschen korrupt und nachlässig waren.
Wie bei den Ofrendas gibt es zahlreiche lokale Unterschiede. In den meisten Regionen findet die Verabschiedung der Toten nachts statt. Bei indianischen Gruppen ist sie oft mit Maskentänzen verknüpft. In einigen Gebieten werden Ofrenda und Zeremonie am Grab gemischt: die Einladung an die Toten findet auf dem Grab statt. Aber niemand glaubt, die Toten kämen aus den Gräbern und kehrten dorthin zurück. Die Vorstellungen vom Jenseits sind, wie bei den meisten Völkern, nicht scharf definiertund wechseln von Ort zu Ort. Noch 1950 wurden in Mizquic Schilderungen des Jenseits und des Wegs dorthin aufgenommen, die sehr stark an die der Azteken erinnern; auch hier mußten vom Toten viele Gefahren überwunden werden; auch hier war am Ende ein Hund nötig. um über den trennenden Strom zu kommen. Heute können solche Ideen in Mizquic nicht mehr dokumentiert werden, wohl aber in Ocotepec.
Deutlich wird aus allen Gesprächen, daß die Toten nicht im Grab leben. Die Abschiedszeremonie auf dem Friedhof bezeichnet nicht den Ort, wohin sie zurückkehren. Viel eher kann sie als Wiederholung der Bestattung aufgefaßt werden; mit allem Schmerz, den eine Bestattung mit sich bringt. Wirklich mit allem? Es ist kein endgültiger Abschied, wie bei uns. In einem Jahr werden die Toten wiederkehren, von neuem mit den Lebenden feiern. Der Glaube an ihre Rückkunft und die Sicherheit des nächsten Totenfestes mindern auch den Schmerz der ersten Trennung.