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Will man verstehen, wieso die Opfer geschahen, muß man bereit sein, sich auf die religiösen Konzepte der Azteken einzulassen: Für die Indianer Mexikos war die Kraft der Erde und des Weltzeitalters endlich und konnte also verbraucht werden. Leben entzieht Kraft, die rückerstattet werden muß, um das Bestehen der Welt zu sichern. Das Weltzeitalter selber war nur durch das Götteropfer geschaffen worden; der Mensch ist verpflichtet, dieses Opfer zurückzuerstatten. Tut er es nicht, wird die Welt erneut untergehen. In den offiziellen Vorstellungen der Azteken konnte dies in zwei Formen geschehen: Ein Mensch opfert sein Herz der Sonne; entweder auf dem Opferaltar oder im Krieg; auch das Sterben im Kindbett zählte zu diesen "guten" Todesarten. Der so Verstorbene hilft die Kraft der Sonne zu erhalten und darf sie für 4 Jahre auf ihrem Weg begleiten, bevor er zum Sonnenvogel wird.
Wer anders stirbt, geht in das Totenland Mictlan. Er mußte einen mühevollen und gefährlichen Weg von 4 Jahren zurücklegen, auf dem das Fleisch von seinen Knochen gerissen wird; schließlich kommt er zum siebenarmigen Fluß, den er nur mit einem gelben Hund überqueren kann. Denn der schwarze Hund hat seine Kriegsfarbe gerade angelegt und der weiße sich gerade gewaschen beide weigern sich, ins Wasser zu gehen. Dem Verstorbenen mußte deshalb immer ein gelber Hund mit ins Grab gegeben werden. In Mictlan ruhen die Gebeine, bis sie im nächsten Weltzeitalter zur Schöpfung neuen Lebens verwendet werden.

Beide Konzepte sind eine Form der Rückführung des Lebens; entweder geht die Kraft des Opfers auf die Sonne über, oder auf die Erde. Das Opfer an die Sonne ist wichtiger; sie ist die "Schwachstelle" des Weltalters. Nur durch das Selbstopfer aller Götter konnte sie dazu gebracht werden, überhaupt ihre Bahn zu ziehen. Auszehrung bedroht sie täglich. Wer ihr sein Leben