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opfert, erhält also die Welt und wird entsprechend geehrt: er darf die Sonne begleiten. Sein Körper ist vollkommen unwichtig. Der Tote, der nach Mictlan geht, sieht unendlichen Schwierigkeiten entgegen. Um sie überstehen zu können, bedarf er Grabbeigaben: Papierkleider gegen die fliegenden Obsidianmesser; Ausrüstung; Nahrung, Wasser und Salz für die Reise; Geschenke; Reiche manchmal auch Sklaven; schließlich den gelben Hund an einem Baumwollfaden, um den Strom überqueren zu können. Seine Beerdigung ist wichtig; sonst gelangt er niemals nach Mictlan. Wer der Sonne geopfert wurde, hatte diese Sorgen nicht: allein die Form des Sterbens sorgt für ein positives Jenseits! Deshalb wissen wir so wenig darüber, was eigentlich mit den Leichen von Gefallenen und Opfern geschah.

Es gab noch ein drittes Totenreich; das Haus des Regengottes Tlaloc, Tlalocan. Tlaloc als Regen- und damit Lebensbringer wurde ebenso verehrt wie der Kriegsgott Huitzilopochtli. Die beiden Tempel standen nebeneinander, hatten die selbe Größe. Wenn der Kriegsgott in den Annalen der Eroberer wichtiger erscheint, mag dies durchaus daran liegen, daß eben die Spanier den Krieg nach Tenochtitlan getragen hatten. Tlaloc ist der Gott der Früchte, der Blumen, des Lebens. Und daneben auch der Herr eines besonderen, von den beiden anderen Vorstellungen weit abweichenden Totenreiches: es kann am ehesten mit unserem Paradies verglichen werden. Ein Jenseits, nicht zu sehr unter schiedlich von der irdischen Welt, aber viel komfortabler und angenehmer. In Tlalocan leben die Toten in einer immer fruchtbaren Umgebung ohne jede Sorge um Naturereignisse und Mangel. Das Totenreich ist ein blühender Garten. Jeder Tote behält die gesellschaftliche Position, die er im Leben innehatte. Und nur in dieser Hinsicht sind Menschenopfer respektive Selbstopferung wichtig: sie können den Status erhöhen.