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schon bei ihren Vorgängern wie den Olmeken. All diese Formen drücken die Verbindung zu den Toten, nicht den Schrecken vor dem Tod aus; die Toten handeln für die Lebenden und bleiben geachtete Mitglieder der Gemeinschaft.

Memento Mori

Den Spaniern waren solche Darstellungen geläufig. Die europäische Kunst und der christliche Kult kannten Darstellungen des Skeletts in jeder Form: auf Grabsteinen als Schädel oder Leichnam; als Totenkopf an Rosenkränzen; als "Wendefiguren", halb Schädel, halb Christus; als Paternosterketten; als Totentanz. Auch Abbildungen halb Lebender, halb Skelettierter gibt es. All diese Objekte kommen in der Form den Exponaten aus Mexiko sehr nahe; die Übereinstimmungen sind überraschend. So ist es kein Wunder, daß beide Kulturen von der anderen übernehmen konnten, angeregt wurden. Der Inhalt jedoch ist geradezu gegensätzlich: Europa stellte nicht die Toten, sondern den Tod als eine abstrakte Macht, als ein Resultat der Erbsünde von Adam und Eva, dar. So ähnlich die Formen und Symbole sind: in Europa ist das Skelett Symbol des Todes, in Mexiko des Lebens über den Tod hinaus!
Seit dem Jahr 1000 und besonders seit den großen Seuchen predigte die Kirche: "Gedenkt des Todes, bedenkt, daß ihr sterblich seid, daß ihr euch vor Gottes Gericht verantworten müßt!" Der Mensch muß so leben, daß er jederzeit in Frieden sterben kann. Memento mori - gedenke Deines Todes! Zu den Toten selber gab es nach christlicher Lehre keine Verbindung. Sie waren allein in Gottes Hand und Gnade; die Lebenden verpflichtet, für sie zu Gott zu beten, aber unfähig, mit ihnen zu kommunizieren. Nur in den Sagen und Märchen haben sich einige Ideen erhalten, die zeigen, daß vor dem Christentum auch bei uns